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In der Fastenzeit geht es um mehr, als sich selbst zu beweisen, dass man sich noch am Riemen reißen kann. Es geht um mehr, als sich selbstquälerisch Verzicht aufzuerlegen, im Versuch asketischen Ansprüchen Genüge zu leisten. Es geht um mehr, als sich resigniert auf ein selbstmitleidiges Eingeständnis seiner Fehlerhaftigkeit zu konzentrieren.
In der Fastenzeit geht es darum, sich wieder mit Gott und mit dem wahren Selbst im eigenen Innern in Kontakt bringen zu lassen. Es geht darum, sein Herz von der Dornenhecke zu befreien, die man um es herum hat wuchern lassen. Es geht darum, sich neu erreichen zu lassen von der heiligen Stimme, die jeden ruft, das Abbild der Liebe, zu dem Gott den Menschen erschaffen hat, mit sich selbst zu füllen.
In der Fastenzeit geht es nicht zuerst darum, sich einzugestehen, dass man zu lax geworden ist und sich deshalb doppelt anstrengen muss. In der Fastenzeit geht es darum, sich der frohen Botschaft tiefer anvertrauen zu lernen, dass nämlich Gott mich so liebt, wie ich von ihm geschaffen bin. Nicht aus meinen Disziplinübungen heraus werde ich Heil schöpfen, sondern allein aus dem menschenfreundlichen Entgegenkommen Gottes, der mich im Herrn Jesus rein wäscht, so dass ich Platz nehmen darf am Tisch, gedeckt mit den Gaben seiner Fülle.
Dass ich dafür immer mehr bereit werde, dazu bedarf es allerdings doch einer ziemlichen Disziplin von meiner Seite. Nur ist es seine Großherzigkeit alleine, die mich mit dem Leben beschenkt.
Wenn Vieles zugrunde geht – woher kommt mir neue Hoffnung? - Hoffnung aus dem Wasser und der Wüste
„Wenn Vieles zugrunde geht – woher kommt mir neue Hoffnung?“ das ist der rote Faden, der sich durch die Reihe der Fastenpredigten hindurch zieht. Und das Thema für heute ist: „Hoffnung aus dem Wasser und der Wüste“.
Wir haben in der Lesung aus der Geschichte von Noah und der Arche gehört, wie durch das Wasser vieles zugrunde geht. Da gibt es eine große Flut, eine Überschwemmung, die sich über die ganze Welt ausbreitet. Das Wasser steht allen bis zum Hals und steigt noch höher. Von allem zu viel, so dass man gar keine Luft mehr bekommt. Man ist gezwungen mitzuschwimmen, denn wer hat die Kraft, sich der reißenden Strömung entgegenzusetzen? Die Wirkung des Überflusses ist verheerend. Das Leben der Seele hält das nicht aus, es geht unter. Nur noch Körper sind zu sehen, die mit jeder Welle dahin treiben, wo das Wasser es gerade will.
Ist das ein Bild für unsere Welt, die von der Wirtschaft und ihrem Gesetz „Leistung für Gegenleistung“ beherrscht wird, wo sich alles nur noch um Verdienen, Kaufen und Bezahlen dreht? Halten wir die immer höheren Arbeitsanforderungen und den Stress auf Dauer wirklich aus? Geht dabei nicht letztlich die Menschlichkeit und auch das Wesentliche baden? - Sind wir zufrieden mit unserem Leben, mit der Gesellschaft, deren Teil wir sind? Können wir am Abend sagen: „Danke, Gott, für diesen Tag, an dem ich dir begegnet bin“?
Inmitten der marktschreierischen Stimmen, die um unsere Gunst werben, die es letztlich aber vor allem auf unseren Geldbeutel abgesehen haben, da gibt es Gott sei Dank eine andere Stimme. Gerade im Vers, der dem heutigen Abschnitt aus dem Markusevangelium vorausgeht, steht es: „Eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Mk 2,11)
Können Sie sich vorstellen, dass Gott, jetzt, in diesem Augenblick, Ihnen zuspricht: „Ich bin mit dir zufrieden! Ich finde dich schön, so wie du bist! Ich freue mich an dir!“? Vielleicht tut es Ihnen gut, solches zu hören. Vielleicht haben Sie aber auch Schwierigkeiten damit, sich das vorzustellen; da gibt es womöglich innere Widerstände, Stimmen, die anderes sagen: „Ich bin nicht gut genug“ oder „Ich muss nur die Erwartungen der anderen erfüllen, dann werde ich geliebt“. Diese Stimmen wollen wir für jetzt einmal sich selbst überlassen. Wenden wir uns unterdessen wieder der anderen Stimme zu: „Ich bin mit dir zufrieden! Ich finde dich schön, so wie du bist! Ich freue mich an dir!“
„Aber das wird doch bei seiner Taufe nur Jesus zugesagt“, könnten Sie einwenden, und der ist schließlich Sohn Gottes. Gehören wir aber nicht alle, die wir hier versammelt sind, zu ihm? Wir sind der lebendige Leib Christi, so wie Paulus es ausdrückt. Dann spricht die Stimme aus dem Himmel es auch uns zu. Wir brauchen es nur im Glauben anzunehmen, so gilt es uns.
Wenn wir nicht glauben können, dass Gott uns dies jetzt in diesem Moment zuspricht, dann stimmt wahrscheinlich etwas mit unserem Gottesbild nicht. Denn Gott möchte es uns von Herzen gern sagen. Seine Liebe knüpft sich nicht an Bedingungen und nicht an Leistungen, die wir erbringen müssten, um irgendwann für würdig genug erachtet zu werden; solange wir das nicht schafften, bliebe Gott uns fern – oh nein! So gehen wir Menschen miteinander um, doch davon dürfen wir nicht auf Gott schließen.
Haben Sie noch Bedenken? Dann möchte ich es noch ein wenig mehr begründen. Gott liebt uns nicht erst, wenn wir etwas geleistet haben oder uns ihm stolz präsentieren können in hart erkämpfter Tugendhaftigkeit. Die Liebe Gottes lässt sich nicht verdienen; sie wird uns geschenkt, weil wir seine Geschöpfe sind. Seine Liebe nimmt uns genauso an, wie wir sind, mit unseren Unvollkommenheiten und Ecken. Damit ist nicht gesagt, dass wir unbedingt so bleiben müssten, wie wir sind. Doch verwandeln kann uns nur seine Liebe. Es kommt also alles darauf an, dieser Stimme Glauben zu schenken. So einfach ist das - und doch so schwierig, weil unsere Verletzungen und die daraus erlernten Ängste uns immer wieder davon abhalten.
„Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste“, so heißt es im Text. Wie sollen wir uns das vorstellen? Jesus, ein Getriebener, vom Geist? - Von was werden denn wir getrieben? Wohin treibt es uns? Wo sind die Orte, an denen wir unsere Sehnsucht zu sättigen suchen? - Ausgerechnet in die Wüste treibt es Jesus. Nicht in die Kaufhäuser, Kinosäle, Bars, Fußballarenen, nicht auf die Marktplätze, Ferieninseln, Aussichtstürme treibt es ihn, sondern in die Wüste. Aber ist es nicht so, dass es diese Stimme, die in die Wüste ruft, auch in uns gibt. Sie ist nicht so schrill und aufdringlich, wie die Werbung, die täglich Kauflust auf immer noch mehr Dinge in uns wecken will. Die Wüstenstimme lebt im Stillen unseres Herzens, unserer Gedanken. Sie ist nicht laut, aber sie lässt auch nicht locker. Sie weiß, dass wir im Grunde nicht viel brauchen, um glücklich zu sein.
Vielleicht entdecken wir dann die Stimme vom Himmel und wir lassen es einmal darauf ankommen, ihr Glauben zu schenken. Spüren Sie, wie die Zusage Gottes: „An dir habe ich Gefallen gefunden“ etwas in Ihnen in Bewegung bringt? Wird da eine Sehnsucht wach? Dann bauen sie doch mit an der Arche und steigen sie selbst hinein in dieses Schiff, erbaut aus der liebenden Botschaft Gottes an die Menschen. Sie wird der Schutzraum sein, der uns vor der über alles hinwegrollenden Walze der Verwässerung retten kann und uns mit Gott zusammen lebendig machen wird.
Damit die Stimme in uns noch stärker wird, dürfen wir aber erst mit Jesus in die Wüste gehen, sinnbildlich zu verstehen natürlich. Am Mittwoch haben wir mit dem Empfang des Aschenkreuzes die Fastenzeit begonnen. Geben wir unserem Herzen 40 Tage lang Raum und horchen wir genau hin, ob wir die Stimme des liebenden Angenommenseins durch Gott vernehmen können. Die Gnade möge es uns geben!, so dass wir mit freudigem Herzen miteinander das Fest von Jesu Tod und Auferstehung feiern können. Dann werden wir spüren: es hat mit uns zu tun. Es gibt meinem Leben neue Hoffnung.
Wenn Vieles zugrunde geht – woher kommt mir neue Hoffnung? - Hoffnung aus dem Hinhören und dem Hinschauen
In Gesprächen mit Menschen höre ich immer wieder die Aussage: „Seit das passiert ist, kann ich nicht mehr an Gott glauben.“ Mag es eine Krankheit sein, die die Person selbst getroffen hat, ein Todesfall in der Familie, ein tragischer Unfall oder was auch immer. Zuerst kommt die Frage: „Wie kann Gott so etwas zulassen?“ und dann die Schlussfolgerung: „Wenn Gott mich und uns davor nicht bewahren kann, dann ist er entweder zu schwach oder es gibt ihn überhaupt nicht. Ich kann nicht mehr an ihn glauben.“
Es stimmt, dass es diesen Wunschphantasie-Gott nicht gibt; und doch ist die Schlussfolgerung falsch. Von der Tatsache her, dass mein Leben anders verläuft, als ich es mir wünsche und vorstelle, darauf zu schließen, dass es Gott nicht gibt, das ist ein „Kurz-Schluss“. Könnte es nicht auch so sein, dass Gott mich den Weg zu Glück und Lebensfülle führen will, dass ich aber noch nicht wirklich begriffen habe, wie dieser Weg verläuft und worauf es eigentlich ankommt?
Wer wünscht sich nicht einen Gott, der ihm ein sorgenfreies und glückliches Leben beschert, einen guten Partner dazu /eine gute Partnerin; der ihn vor jedem Unheil bewahrt; wenn er krank ist, möglichst schnell wieder gesund macht; der immer da ist, wenn man ihn gerade braucht; der einem den Spaß am Leben nicht verdirbt; sich im Allgemeinen aber möglichst im Hintergrund hält?
Wenn wir Gott nur diese Nebenrolle im Regiebuch unseres Lebens anzubieten haben, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn er dort seine Talente nicht ausspielen kann. Läuft das Stück nicht so, wie wir es uns wünschen, dann verweisen wir ihn schnell der Bühne und hoffen, dass wir ohne ihn besser klarkommen. Ob das Stück dann allerdings zufrieden stellend verläuft und vor allem, ob es ein gutes Ende finden wird, das ist die Frage. Es gäbe auch die Möglichkeit, die Szenerie neu zu entwerfen, indem ich ihm die Hauptrolle gebe und alles andere darum herum konzipiere.
Genau vor diese Frage stellt Jesus uns mit seinem Leben: Führt ihr lieber selbst die Regie in eurem Lebensstück; wisst ihr, wie ihr es zum Erfolg bringen könnt? Oder habt ihr Vertrauen in Gott, der euch zugesagt hat, dass er euch die Wege des Heils führt?
Jesus hatte den Jüngern, bevor sie den Berg bestiegen, eröffnet, dass er nicht der glänzende Siegertyp sein würde, den sie sich erhofften, dass er sie nicht mit dem Auftrumpfen von Gottes Macht ein für alle mal von Sorgen und Nöten befreien würde. Gott wird sein Reich nicht dadurch aufrichten, dass er mit seinem Arm einmal so richtig dazwischenfährt, seine Allmacht demonstriert und alles Böse vernichtet. Nein, Gott hat einen ganz anderen Regieplan, den sich Menschen so nie ausdenken würden.
Sein Messias soll zeigen, dass die Liebe den längeren Atem hat, dass die beharrliche Sanftmut und die sich gehalten wissende Gewaltlosigkeit den Sieg davon tragen werden, auch wenn es zwischendurch so aussieht, als ob alles verloren wäre. Jesus wird seine unglaubliche Souveränität und Freiheit gegenüber allen Machtspielen und Erpressungsversuchen der Menschen dadurch dartun, dass er sich denen, die für den eigenen Vorteil über Leichen gehen, in die Hände gibt, dass er alles Unrecht am eigenen Leib erleidet und am Bösen in der Welt stirbt. Doch in all dem geht er dem Bösen nicht auf den Leim, vielmehr steht er in neuer Freiheit und Würde auf, so dass ihm fortan keine Tücke der Menschen mehr etwas anhaben kann.
Was bitteschön, so können wir mit den Jüngern fragen, sollte sich dadurch ändern, wenn wir zu den unzähligen Opfern der Ungerechtigkeit nur noch eines mehr hinzuzählen müssen? Soll er doch lieber alles Unheil und Böse vernichten, damit wir wieder in Freiheit und Freude leben können! – Oh ja, das ist die Weise, wie wir Menschen denken, wie wir Regie führen möchten. Das ist der graue Stoff, aus dem wir unsere ungerechte Welt Tag für Tag neu weben. Mit allen Bleichmitteln der Welt können wir die Weste unserer Gesellschaft, in der wir es akzeptiert haben, dass der Stärkere den Schwächeren zertritt, kein bisschen weißer machen, sie bleibt grau und fleckig.
Aber schauen wir genau hin! Da erscheint Jesus in überirdischem Glanz, er leuchtet. So weiß und strahlend kann kein Mensch das Gewand machen, das uns bekleidet. In Jesus verwirklicht sich das Regiebuch Gottes. Ach, würde diese Herrlichkeit doch nur andauern, könnten wir sie festhalten, damit wir nicht mehr in die Niederungen der alltäglichen Streitigkeiten und Zweifel hinabsteigen müssten. Das ist der Wunsch des Petrus, wenn er dort oben Hütten zum darin Wohnen bauen will. Aber mit Petrus müssen wir lernen, dass die Zeit zum Bleiben in der Erfahrung von Gottes Herrlichkeit noch nicht gekommen ist. Es wird uns ein wunderbarer Vorgeschmack auf das geschenkt, was uns einmal erwartet. Doch bis dahin ist noch ein Weg zurückzulegen, auch über Strecken hin, die wir nicht begreifen können.
Doch hören wir genau hin! Die Stimme aus der Wolke spricht: „Das ist mein Geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ Was hören wir denn von ihm, was sagt er uns? Ein paar Verse vor dem heutigen Evangelienabschnitt lehrt Jesus die Jünger: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich.“ Können wir das hören? Können wir glauben, dass sich im Leben und im Sterben dieses Jesus von Nazaret göttlicher Glanz und die Weisheit des Lebens zeigen? Können wir über dem Kreuz die Überschrift erkennen: „Das ist mein Geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“? Können wir diese Überschrift auch über unseren eigenen schmerzvollen und leidbehafteten Erfahrungen erkennen?
Es geht nicht um eine Verklärung des Leides oder einen Freifahrtsschein für alle Ungerechtigkeiten dieser Erde, die wir einfach erdulden müssten. Nein, es geht um eine neue Freiheit, die aus dem Bewusstsein des Angenommenseins von Gott erwächst, und sei es mitten im Leid.
Bin ich bereit, Gott im Regiebuch meines Lebens die Hauptrolle anzuvertrauen? Habe ich den Glauben, dass er mich den Weg zu Freiheit und Fülle des Lebens führt, auch wenn es manchmal über Stock und Stein geht? Habt Mut, ruft Jesus uns heute zu, ihr könnt so leben, denn ich gehe mit euch. Es ist der Weg Gottes. Nehmt aus meinem Weg neue Hoffnung für euch und euer Leben!
Wenn Vieles zugrunde geht – woher kommt mir neue Hoffnung? - Hoffnung aus dem Befolgen und Sich-Befreien-Lassen
Ich möchte von der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Exodus ausgehen. Es gibt Menschen, die sehen in der Lehre der Kirche und speziell in den 10 Geboten nur mehr Verbote. Sie sehen es als willkürliche Einschränkung ihres Lebensraumes an, wenn ihnen die Kirche oder die Hl. Schrift - nach ihrem Verständnis – vorschreiben wollen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Bald wenden sie sich dann von Kirche und Glauben ab, um – wie sie meinen – endlich in Selbstbestimmung und Freiheit ihr Leben zu gestalten, so wie es ihnen gefällt.
Die interessante Erfahrung durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch ist jedoch die, dass der Mensch, wenn er nicht einem Gott dient, unbewusst in destruktive Abhängigkeiten zu Dingen und Ideen kommt, die schnell Götzenstatus erlangen und für die er bereit ist, alles zu opfern. Ein solcher Götze unserer Zeit kann z.B. die körperliche Fitness und Schönheit sein, die uns allenthalben in medial gefeierten Idealkörpern vor Augen geführt wird. Gerade junge Frauen können in solche Abhängigkeit zu diesem Götzen geraten, dass sie fraglos sein hartes Urteil übernehmen: „Du bist noch nicht schlank genug“. So setzen sie sich gesundheitsschädlichen Hungermarathons aus, in der Hoffnung, dass die Männer sie dafür lieben. Doch geraten sie dabei wohl schneller in die Hände eines Klinikarztes als in die Arme des Mannes, der sie um ihrer selbst willen liebt.
Oder schauen wir auf die Götzen Karriere, Status und immer mehr Verdienen. Wie viel sind wir bereit, diesen Götzen zu opfern? Warum haben wir für uns selbst und die Familie keine Zeit mehr? Weil wir so viel Zeit diesen Götzen opfern, die uns am Ende doch keinen Segen bringen.
„Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ Dieses erste der 10 Gebote ist vielleicht gar nicht so falsch und sicher auch nicht veraltet. Wenn uns auch geboten wird, etwas nicht zu tun, so könnte gerade darin der Segen für uns liegen. Weil es uns nämlich davor bewahrt, unser Heil selber schaffen zu wollen und nur noch uns selbst zum Mittelpunkt der Welt zu nehmen.
Leider haben wir in der christlichen Tradition die 10 Gebote aus ihrem biblischen Kontext herausgerissen. Das ist eine schicksalhafte Verkürzung. Dadurch wurde der Gefahr Vorschub geleistet, das sie nur mehr als moralischer Zwang und als Bevormundung erlebt wurden, von dem sich viele lossagen, indem sie Kirche und Religion überhaupt den Rücken kehren.
In der jüdischen Tradition ist nicht von „10 Geboten“, sondern „10 Weisungen“ die Rede. Sie werden als Hinweisschilder verstanden, die den rechten Weg zeigen, damit jeder, der sich daran hält, nicht in den Abgrund stürzt oder auf lebensgefährliche Pfade gerät. Wichtiger noch: in der jüdischen Tradition steht an erster Stelle kein Gebot, sondern die Erinnerung an Gottes Befreiungstat. Und das ist zugleich eine Verheißung, die nicht nur dem Volk Israel gilt, sondern auch uns, denn am Volk Israel hat der Herr gehandelt zum Zeichen, wie er an der ganzen Menschheit handeln will. Es heißt dort: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ (Ex 20,2; Dtn 5,6) Hier steht also nicht zuvorderst, dass der Mensch etwas tun oder unterlassen soll, sondern dass Gott zuerst etwas für uns Menschen getan hat. Er hat das Volk aus Unterdrückung und Unglück auf den Weg zu Freiheit und Wohlstand im eigenen Land geführt.
Das ist der Kontext, und nur von ihm her wird deutlich, warum Gott uns die Gebote gibt. Mitnichten geht es ihm um eine neue Knechtung oder eine willkürliche Einschränkung des Menschen in seiner Freiheit. Im Gegenteil, die Gebote sind gerade die Gewähr dafür, dass die Menschen in guter Weise miteinander leben können. Das Volk Israel empfindet die Gebote nicht als Last, sondern erkennt darin ein wunderbares Geschenk, für das es Gott zutiefst dankbar ist. Denn damit gibt Gott dem Menschen die Möglichkeit in die Hand, den Weg zu geglücktem Leben zu finden.
Was passiert, wenn sich Menschen nicht mehr an diese Weisungen halten, könnte uns mit der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise kaum deutlicher vor Augen geführt werden. Die ganze Welt hat zu leiden, weil sich einige Wenige unrechtmäßig am schnellen Geld bereichert haben. Steht nicht in den 10 Geboten: „Du sollst nicht stehlen“? Wer aber Hypotheken, die keinem Realwert mehr entsprechen, weiter verkauft, der stiehlt den Anlegern das Geld. Das Ergebnis davon haben jetzt wir alle zu tragen. Wer also ist klüger, Gott oder die Menschen? Jetzt sagen Sie nicht, die Leute, die die Millionen in die eigene Tasche gesteckt haben. Denn Gott hat auch gesagt: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Wir können es also beruhigt der Gerechtigkeit Gottes überlassen.
Vielleicht verstehen wir jetzt, warum wir heute Jesus in überraschender Wut den Tempel ausräumen sehen. Weil sich diese menschliche Widerspenstigkeit gegen die Weisungen Gottes längst auch im Tempel selbst, das heißt in der menschlichen Organisation der Religion, eingenistet hat. In der Gestalt der Händler und Verkäufer, die sich in den Vorhöfen des Tempels von Jerusalem breit gemacht haben, tritt uns alles sündhaft Menschliche entgegen, das lieber auf die eigene Leistung baut und mit Gott Handel treibt, als sich seiner Barmherzigkeit in die Arme zu werfen. Die Frage, die Jesus mit seiner konfrontierend prophetischen Handlung stellt, lautet: Was hat der Glaube mit Geschäftemacherei zu tun?
Woher also kommt mir neue Hoffnung? Aus dem Vertrauen, dass Gott uns die Gebote zu unserem Wohl gegeben hat. Wenn ich ihnen folge, werde ich zu geglücktem Leben finden, aber nicht ohne dass ich mich mit Jesus auf diesen Weg mache. Richte deine Sehnsucht auf Gott hin aus, denn nur er kann das Verlangen deines Herzens erfüllen, nur er kann dich von den Zwängen und Ängsten, die diese Welt dir auferlegen will, in die Freiheit führen. Lass dich von seinen Geboten und Weisungen leiten, nimm diese Begrenzungen bewusst an, und du wirst merken, es ist der Weg zum Leben, wenn er dich auch durch Landschaften mühsamen Lernens und Wachsens hindurch führt.
Nicht der Rummel um Kaufen und Bezahlen, um Verdienst und Selbstdarstellung führt zum Heil – das alles gehört zur menschlichen Organisation von Religion, gehört zu dem Tempel, der vergeht und der niedergerissen wird. Jesus selbst ist der neue Tempel, der ersteht. Das bedeutet, dass der Gottesdienst sich künftig nicht mehr an steinerne Gebäude binden und durch das Festhalten an institutionalisierten Formen absichern lässt. Vielmehr findet der wahre Gottesdienst in der lebendigen Begegnung mit der Person Jesus Christus statt. Nur von ihm her werden wir auch die 10 Gebote recht verstehen. Nur von ihm her werden wir erfüllt von der Liebe, die uns die Gebote halten lässt. Nicht weil es uns eine aufgegebene Last wäre, sondern weil es uns ein inneres Verlangen ist, weil Jesus mit seiner weltverändernden Liebe in uns lebt und wirkt.