Vielleicht ist Ihnen beim Anhören des Evangeliums folgende Frage in den Sinn gekommen: Ja reicht es denn nicht aus, wenn wir Gott in der Sonntagsmesse als Herrn anrufen, wenn wir uns ab und zu vor anderen als Glaubende bekennen und manchmal auch mit Kranken beten? Was verlangt Jesus noch mehr von uns, wenn das nicht genügt, um in das Reich Gottes aufgenommen zu werden?
Wie kann Jesus zu den Leuten, die ihn doch schließlich als Herrn anerkennen und auch so anrufen, sagen, dass er sie nicht kennt? Sie haben doch in seinem Namen verkündet, haben Kranken geholfen, dass sie wieder gesund werden. Wie kann Jesus dann zu ihnen sagen: Ich kenne euch nicht? Ist er da nicht sehr undankbar? Erkennt er denn nicht, was diese Menschen alles für andere und für ihn geleistet haben?
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wer etwas leistet, der wird belohnt. Wer mehr leistet, macht Karriere und erhält auch mehr Lohn. Nicht nur die Berufswelt funktioniert so, sondern auch der Sport und zunehmend sogar unsere Freizeit. Da steigt die Spannung mit der Frage, wer ist der schnellste, wer schießt die meisten Tore, um dann auf dem Siegerpodest zu stehen.
Ohne uns dessen bewusst zu werden, übertragen wir diese Prinzipien, die uns bereits in Erziehung und Schulausbildung von klein auf vermittelt wurden, auf unsere Beziehung zu Gott. Aber dadurch verkennen wir, wer Gott in Wirklichkeit ist. Gott erwartet nicht von uns, dass wir für ihn möglichst viele und große Glanztaten vollbringen. Wir können uns das Himmelreich nicht dadurch verdienen, dass wir jeden Sonntag in die Messe gehen und uns bemühen, die Gebote einzuhalten.
Niemand kann sich den Himmel verdienen, denn den Himmel kann man nur geschenkt bekommen. Diese Aussage kann uns verwirren, weil sie eine Tatsache beschreibt, die dem entgegensteht, was wir alltäglich erfahren. Wenn es also nicht darauf ankommt, dass wir vor Gott Großes leisten, worauf kommt es dann an?
Gehen wir dazu der Aussage Jesu nach: "Ich kenne euch nicht." Eine andere Bibelausgabe übersetzt die Aussage Jesu näher am griechischen Urtext: "Ich habe noch nie eure Bekanntschaft gemacht." (U. Wilckens) Als ich bei der Vorbereitung der Predigt die Frage in dieser Weise las, da erschütterte sie mich. Ja, wie ist das eigentlich: Gebe ich Jesus die Möglichkeit, mit mir Bekanntschaft zu machen? Haben Sie Jesus bereits die Gelegenheit gegeben, Bekanntschaft mit Ihnen zu machen?
Das macht wesentlich deutlicher, worum es in der Beziehung mit Gott geht. Im Blick auf den Tag des Endgerichts macht Jesus uns keinen Druck, dass wir möglichst noch viele Frömmigkeitsübungen und gute Werke aufeinander häufen. Nein, Jesus zielt darauf ab, uns persönlich kennen zu lernen, unsere Bekanntschaft zu machen.
Aber wie geht das? Dazu müssen wir uns vor Augen halten: Gott sucht nicht etwas, ein Ding, ein Opfer, eine Leistung, welche ich vor ihn bringen müsste, damit er mich segnet. Nein, Gott sucht mich selbst, mich als Menschen, mit meiner Geschichte, mit meinen Verwundungen und Stärken, mit meinen Fehlern und Talenten. Er wartet darauf, dass ich mich seiner Vergebung öffne und mich mit seiner Liebe füllen lasse, damit ich selbst zum Segen werde. Ich persönlich bin ihm wichtig.
Gott macht den ersten Schritt auf mich zu, er erwartet aber auch von mir, dass ich mich bemühe, den zweiten Schritt zu tun. Das macht Jesus in der zweiten Hälfte des heutigen Evangeliums deutlich. Ich gebe Jesus die Möglichkeit, meine Bekanntschaft zu machen, wenn ich - so wie es die 1. Lesung ausdrückt (Dtn 11,18.26-28.32) - seine Worte auf mein Herz und meine Seele schreibe, um mein Handgelenk binde und meine Stirn damit schmücke. Das Herz steht für mein Empfinden und Fühlen, die Seele für mein Sehnen und Verlangen. Die Hand ist Symbol für meine Kraft, mit der ich arbeiten und die Welt verändern kann, die Stirn steht für mein Denken und Planen. Kurz: in mein ganzes Sein und Tun soll ich Gott mit seiner Botschaft hineinlassen.
Das Erste und Wichtige für Gott ist, dass ich mich mit meinem Leben in die Schule seines Wortes begebe (vgl. Maria und Marta). Bevor ich anderen etwas von Christus erzähle, soll ich mich erst einmal ganz von ihm ergreifen lassen. Bevor ich anderen den Glauben verkünde, soll ich mich ganz davon durchsäuern lassen. Bevor ich daran gehe, anderen in ihrer Not zu helfen, soll ich mich erst einmal selbst von Gott erretten lassen (vgl. Jes 45,22).
Wenn wir also Bekanntschaft mit Jesus machen, indem wir ihn uns auf die Pelle rücken lassen, dann wird Gott selbst durch uns seine Werke vollbringen. Nicht mehr wir sind es, die etwas Großes für Gott tun, sondern Gott selbst kann Großes mit und durch uns tun, weil wir durchlässig geworden sind für sein Wirken.
Wir können uns den Himmel nicht verdienen, denn den Himmel kann man nur geschenkt bekommen. Wer auf seine Leistung schaut und Gott statt sich selbst nur etwas darbringt, der versperrt sich gegen den Himmel. Jesus ruft uns auf, Gott in unser Leben hinein zu nehmen.
Bruder Roger Schutz von Taizé sagt: "Lebe das, was du vom Evangelium begriffen hast, und sei es noch so wenig." Fangen wir mit einem Wort an, probieren wir aus, es in unseren konkreten Alltag mitzunehmen, uns davon leiten zu lassen. Sie werden spüren, wie schnell Sie Bekanntschaft mit Jesus machen können und er mit Ihnen.
Dann wird er zu Ihnen sagen: Ich freue mich riesig, dich kennen zu lernen. Ich werde dir jetzt zeigen, was du für mich tun kannst. Die Kraft dazu, bekommst du von mir. In allem vertraue auf mich!
"Geistliche Gaben können nicht aufgenommen werden, wenn sie nicht ersehnt werden." Oder positiv ausgedrückt: "Je mehr wir uns nach Gottes Gnade und seinem Geist ausstrecken, umso mehr schaffen wir die notwendige Offenheit in uns, dass sie uns auch wirklich zuteil werden können."
Gott ist ja nicht geizig mit seinen Gaben; werfen wir nur einen Blick auf die Natur - seine Schöpfung, wo so vieles in verschwenderischem Reichtum wächst, Frucht bringt und wieder vergeht. In solchem Reichtum und in solcher Fülle will Gott auch uns mit den spirituellen Gaben beschenken: nämlich in überfließendem Maße. Dabei können wir an die Unmengen von Wein denken, die Jesus bei der Hochzeit zu Kana verwandelt hat, zur Freude der Hochzeitsgesellschaft.
Woran liegt es aber, dass wir uns oft geistig und spirituell so leer und ausgetrocknet fühlen? Es liegt sicher auch daran, dass wir oft gar nicht wissen, in welcher Weise wir uns für die geistigen Gaben öffnen können. Das ist dann in etwa so, wie wenn wir mit gefesseltem Händen und zugeklebtem Mund vor einer Tafel mit leckersten Speisen sitzen. Der gute Geruch von Fleisch, Gemüse und Kartoffeln steigt uns in die Nase, der Magen knurrt, aber wir wissen nicht, wie wir uns aus unseren Fesseln befreien können.
Ganz anders dagegen die armen, die unterdrückten, die vergewaltigten und die ausgebeuteten Menschen. Sie haben oft keine andere Hoffnung mehr als den Herrn, ihr Leben gerät manchmal zu einem einzigen Schrei nach Rettung. Deshalb sind sie in besonderem Maße fähig, Gott zu begegnen. In ihrem Leben ist die Erfahrung der Bedürftigkeit und damit auch die Sehnsucht am stärksten ausgeprägt. Hier kann Gott nicht anders, als sich von dieser vor ihn gebrachten Not erweichen zu lassen und rettend für diese Menschen einzutreten mit seiner Gnade und seiner Kraft.
Was hat das in Bezug auf unser heutiges Evangelium zu bedeuten? - Es ist von der Berufung des Apostels Matthäus die Rede und zwar in zwei kurzen Sätzen: "Jesus sah einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm." Zwei kurze Sätze, in denen die ganze Lebenswende eines Menschen beschrieben wird. Wie geschieht es, dass Matthäus, der gerade bei seiner Arbeit ist, auf ein einfaches Wort eines anscheinend unbekannten Wanderpredigers hin, so mir nichts dir nichts alles stehen und liegen lässt, um sich auf einen ganz neuen Weg einzulassen?
Erinnern wir uns an das zu Anfang Gesagte: "Geistliche Gaben können nicht aufgenommen werden, wenn sie nicht ersehnt werden." - Ich bin sicher, dass dieser Matthäus gar nicht mehr so richtig bei seiner Arbeit war. Irgend etwas pickte ihn, irgend etwas brodelte in ihm vor sich hin; vielleicht war es das Gefühl, dass alle anderen auf ihn herabschauten, weil er ja schließlich in einem verachteten Gewerbe arbeitete. Er war ein sogenannter "Unreiner", der mit den Römern kollaborierte. Und mit Hilfe der Zöllner quetschte die Besatzungsmacht Geld aus den Leuten, wo es nur ging.
Wir können uns vorstellen, wenn wir uns an die Erzählung vom Pharisäer und vom Zöllner im Tempel erinnern (Lk 18,9-14), dass auch Matthäus gleich diesem Zöllner oft ganz hinten in der Synagoge stehen blieb, um zu beten, dass er nicht einmal den Mut hatte, die Augen zum Himmel zu erheben, weil er sich seiner Schuld bewusst war und dass er nur eines in seinem Gebet zu sagen wusste: "Gott, sei mir Sünder gnädig!". Nur hatte er bisher nicht die Kraft und den Anstoß gefunden, sein Leben zu ändern. Doch jetzt, wo der so heiß ersehnte Anruf Gottes an seine Ohren dringt - gleichsam wie eine Antwort auf sein Schreien nach Erbarmen, da weiß er genau, dass es die Chance seines Lebens ist, um aus seinem ungeliebten Leben auszusteigen; er steht auf und folgt Jesus nach.
Was bedeutet das für uns? Nun, alleine werden wir die Fesseln nicht von unseren Händen lösen können, alleine werden wir auch nicht das große Heftpflaster von unserem Munde ziehen können. Wer Anteil haben will, an den wunderbaren Gaben Gottes, muss dieses einsehen: dass er der Hilfe Gottes bedarf. Er muss anfangen, nach Gott zu rufen, immer lauter; er muss seine innere Leere und Armut offen vor Gott tragen. Und der Herr wird nicht zögern ihn zu hören, er wird ihm die Fesseln lösen, den Mund befreien und ihn Anteil nehmen lassen an seinen wunderbaren Gaben.
Das ist der erste Schritt auf dem geistlichen Weg: Dass der Mensch in der Erkenntnis seines eigenen Unvermögens beginnt nach Gott zu schreien und ihn um sein Erbarmen anzuflehen. Auf unser Beispiel angewendet, werden Sie sich vielleicht fragen, wie man denn mit einem mit Heftpflaster zugeklebten Mund um Rettung und Erbarmen schreien soll. Nun, ich habe ja nicht behauptet, dass das einfach ist. Man muss sich aber Mühe geben und Geduld haben, auch wenn zuerst niemand unser Schreien zu hören scheint.
"Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben", so sagt Jesus zu denen, die er aussendet, damit sie seine Verkündigung weitertragen zu allen Menschen. Was haben sie denn empfangen, dass sie es jetzt weitergeben können? Ist es denn nicht so, dass die Jünger gerade vieles zurückgelassen haben, um Jesus folgen zu können? Sie haben sich mit ihm auf die vielen Entbehrungen des Wanderlebens eingelassen und Jesus spricht davon, dass sie etwas umsonst bekommen haben. Etwas Materielles haben sie von Jesus auf jeden Fall nicht bekommen. Von außen betrachtet sind sie arme Landstreicher, die nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Was also können sie geben, wenn sie nichts haben?
Und doch, sie haben etwas. Sie haben sogar etwas ganz Wesentliches. Nicht so wie man einen wertvollen Diamantring hat, der einem auch gestohlen werden könnte und den man deshalb einschließen muss. Nein, sie haben etwas, was für viele Menschen ganz wertvoll ist, weil sie im Tiefsten danach auf der Suche sind. Der Schatz, der ihnen anvertraut ist, heißt Zuversicht und Hoffnung, heißt Lebensmut und Freude, heißt Glaubensstärke und Entschiedenheit. Die Jünger waren nun schon eine gute Zeit mit Jesus zusammen, haben ihn erleben können in seinen Gesprächen und Predigten, haben staunen können, wie unter seiner Hand und durch sein Wort viele Menschen zu gesundem Leben zurückfanden.
Das war aber nicht alles. Sie haben erfahren dürfen, wie barmherzig und liebevoll der Gott ist, den Jesus verkündigte. Dieser Gott schaut nicht auf das Äußere, um die Menschen danach zu beurteilen. Jeden Menschen, der sich ihm sehnsüchtig zuwendet, nimmt er mit offenen Armen auf. Unsere Schwachheit und Schuld ist nicht mehr länger ein Hindernis, weil Gott sie in seiner Liebe überwindet. Lebensbedrohender Sturm auf dem See verwandelt sich vor seiner Stimme in die Stille der Anbetung der Größe Gottes.
Der Reichtum, der den Jüngern anvertraut wurde und den sie nun aufgefordert sind, anderen mitzuteilen, das ist der innerliche Reichtum der Erfahrung eines ganz anderen Gottes in der Begegnung mit Jesus Christus. Kein Buchhalter-Gott, kein rachsüchtiger Vergeltungs-Gott, den man mit Opfern besänftigen müsste, sondern ein väterlicher Gott, der dem Sünder entgegenkommt, der will, dass jeder Mensch in Fülle leben kann.
Petrus und Johannes begegneten einmal einem Gelähmten an der Tempelpforte. Petrus sagte zu ihm (Apg 3,6f): "Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher! Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke;" Hier wird genau das deutlich, wovon Jesus spricht: "Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben". Petrus gibt das weiter, was er erhalten hat. Nichts Materielles, aber in seiner Glaubenskraft gibt er dem, der aus eigener Kraft nicht stehen kann, den Mut, aufzustehen und seinen Standpunkt zu finden.
Wenn wir nun auf uns selbst schauen, was haben denn wir von Jesus umsonst empfangen, was wir anderen weiter geben könnten? Schließlich stehen wir doch in der Nachfolge der Jünger von damals. Wie Jesus damals seine Jünger berufen und ausgewählt hat, so hat er auch uns berufen. Natürlich haben wir uns selbst entschieden, zur Kirche und zu ihm zu gehören. Aber was wäre, wenn uns Gott nicht zuvor an sich gezogen hätte? Unsere Entscheidung ist immer nur der zweite Schritt, weil Gott schon immer den ersten Schritt auf uns hin tut.
Was also haben wir von Jesus empfangen? Vielleicht fällt uns so spontan gar nicht viel ein. Aber es ist wichtig, einmal bewusst darüber nachzudenken. Wir nehmen am Gottesdienst teil, vielleicht weil wir spüren, dass es uns irgendwie gut tut. Ja, Gott will uns seine Gegenwart spüren lassen, will uns erfahren lassen, dass er uns in den Schwierigkeiten unseres Lebens nahe ist, um uns neuen Mut zu schenken. Ja, Gott will, dass wir durch die Schwestern und Brüder dieser Gemeinde Gemeinschaft erfahren und spüren, wir sind nicht allein auf der Suche nach dem wahren Leben. Das dürfen wir für uns annehmen. Gott tut uns gut!
Wenn wir dann unsere Erfahrungen mit ihm gemacht haben, dann spricht Jesus auch zu uns: "Umsonst hast du empfangen, umsonst sollst du geben". Jesus beauftragt uns nicht dazu, die Menschen, die sich unchristlich verhalten, zu ermahnen; über sich unmoralisch verhaltende Zeitgenossen zu schimpfen oder über den Niedergang der Werte zu lamentieren. Nein, Jesus beauftragt uns, dass wir von dem, was wir persönlich für uns in der Begegnung mit ihm erfahren haben, dass wir davon weitergeben.
Das mag vielleicht schwierig erscheinen, weil wir es kaum in Worte fassen können. Vielleicht halten wir das auch für viel zu wenig und für zu subjektiv. Aber genau das ist es, worauf so viele Menschen warten. Dass ihnen endlich jemand begegnet, bei dem sie spüren: "Er lebt aus einer persönlichen Betroffenheit heraus seine Beziehung zu Gott." "Sie lebt aus einer Hoffnung, die ich nicht greifen kann; woher nimmt sie diese Kraft?"
Jesus rührt es bis heute ans Herz, dass so viele Menschen unter uns herumirren, die ihre Lebensrichtung verloren haben, die nicht wissen, worauf es wirklich ankommt. Er zählt auf uns, dass wir von dem, was wir mit ihm erlebt haben, weitergeben. Das erfordert von uns, dass wir ohne Vorurteile auf Menschen zugehen und ihnen aus unserer innersten Überzeugung heraus begegnen, weil Jesus Christus für alle Menschen sein kostbares Leben hingegeben hat.
Um diese Kraft des Heiligen Geistes für uns lasst uns in diesem Gottesdienst beten!