Schriftlesung als geistlicher Weg

Zu jedem Gottesdienst gehört das Wort Gottes dazu. In Lesung und Evangelium wird es vorgetragen und dann ausgelegt. Der Herr selbst spricht in diesen Momenten zu seiner Gemeinde, und diese begrüßt ihn als gegenwärtig in ihrer Mitte: „Ehre sei Dir, o Herr!“ und „Lob sei Dir, Christus!“. 
In welcher Weise aber lässt sich zu Hause auf fruchtbare Weise die Heilige Schrift lesen und verstehen?

 

    
Inhalt
Inhalt

A. Der vierfache Schriftsinn

1. Buchstäblicher Sinn
2. Verborgener Sinn
3. Lebensbezogener Sinn
4. Hinaufführender Sinn

B. Lectio Divina oder: Geistliche Schriftlesung

1. Nimm und lies
2. Betrachte und bedenke
3. Sprich mit Gott
4. Erhebe deine Seele / Geh und handle

Kardinal Carlo Martini zu Lectio Divina
1. Was sagt dieser Text
2. Was sagt mir dieser Text
3. Angesprochen, zur Antwort finden

C. Schriftmeditation

1. Ein geeigneter Ort
2. Die innere Vorbereitung
3. Dem Wort persönlich begegnen
4. Das Wort ins Heute mitnehmen

D. Ignatianische Schriftmeditation

1. Sich einfinden
2. Sich aufmachen
3. Verweilen
4. Beschließen

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A. Der vierfache Schriftsinn
A. Der vierfache Schriftsinn

 

Wenn du die Bibel zur Hand genommen hast, lege sie ehrfürchtig vor dich hin. Weil sie der Leib Christi ist, rufe den Heiligen Geist an. Der Heilige Geist hat das Wort hervorgebracht, es der Kirche gegeben und bis hin zu dir unversehrt bewahrt: Er wird dir jetzt auch helfen, es zu verstehen und aufzunehmen. Eine alte kirchliche Tradition kann dabei Hilfestellung geben: Die Suche nach dem vierfachen Schriftsinn.

1. Suche, den ursprünglichen Sinn des Textes zu erfassen (buchstäblicher Sinn).

Die erste Aufmerksamkeit gilt dem Buchstaben, dem, was da geschrieben ist. Dabei kann man sich selbst quasi mitten in das Geschehen hineinstellen und von dort aus beobachten.

2. Suche nach dem Glaubenssinn (verborgener Sinn).

Es geht darum, das Geheimnis des Wirkens Gottes und Christi zu entdecken. Das gelingt, wenn der einzelne Abschnitt im größeren Kontext des Buches, des Briefes oder der ganzen Schrift gelesen wird.

3. Suche, welche "Lebenshilfe" und "Lebensweisung" dir der Text gibt (lebensbezogener Sinn).

Der Bibeltext wird zu einem Spiegel, in dem wir unsere eigene Existenz besser verstehen. Wir versuchen zu erkennen, wer wir selbst sind und was wir tun können und sollen.

4. Suche nach Gründen der Hoffnung (hinaufführender Sinn).

Biblische Texte weisen oft auf die Vollendung von Geschichte und Leben hin, zeigen in die Zukunft, sie lenken den Blick nach oben.

Mit einem Gebet sollten wir schließen: Gott danken für das, was er uns gesagt hat, ihn bitten, uns beim Vollbringen zu helfen. Diese Art der persönlichen Bibellesung ist eine unverzichtbare Übung für alle, denen das Wort Gottes als Weisung zum Leben anvertraut ist.

 

(vgl. Enzo Bianchi, Helmut Krätzl)

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B. Lectio Divina
B. Lectio Divina

oder: Geistliche Schriftlesung

In der Kirche hat sich über die Jahrhunderte ein großes Erfahrungswissen angesammelt. Menschen, die sich immer wieder bemühten, dem Wort Gottes zu begegnen, haben mit der Zeit vier Schritte herausgearbeitet, die eine fruchtbare Lesung begünstigen; es ist die Methode, die unter dem Namen lectio divina (Geistliche Schriftlesung) bekannt wurde und den Gläubigen immer wieder von der Kirche empfohlen wird:

  1. Schlagen Sie zuerst die Heilige Schrift auf und lesen Sie einige wenige Verse (lectio).

  2. Überdenken Sie dann still, was Gott Ihnen sagen will (meditatio).

  3. Versuchen Sie danach, Gott betend Antwort zu geben und mit ihm in ein Zwiegespräch zu kommen (oratio).

  4. Verweilen Sie schließlich - wenn es Ihnen gegeben wird - liebend und voller Hingabe bei Gott (contemplatio); oder aber: gehen Sie hin und handeln Sie danach (actio).

Dazu im weiteren ausführliche Erklärungen:

zu 1. „Nimm und lies“

Organisieren Sie Ihre Zeit so, dass Sie möglichst regelmäßig eine Geistliche Schriftlesung halten können: täglich oder jeweils am freien Nachmittag, jeden Sonntag, oder wie immer Sie es sich vornehmen wollen. Legen Sie auch die Zeitdauer vorher fest: fünf Minuten, zehn oder fünfzehn - wie Sie es für richtig halten. Damit können Sie der Versuchung entgehen, die Zeit immer wieder zu verkürzen; Sie können auch ruhig die Uhr daneben legen. Vielen hilft es, wenn sie ihre Lesung immer am gleichen Ort halten, wo die Schrift aufgeschlagen liegen bleibt und auf sie wartet. Es ist gut, wenn Sie ein „stilles Kämmerlein“ einrichten können, wo der „Vater auch das Verborgene sieht“ - und wenn es nur ein Stuhl wäre in einer ungestörten, stillen Ecke.

Bevor Sie mit der Schriftlesung beginnen, bedenken Sie – eventuell in stehender Körperhaltung –, dass der Herr nun zu Ihnen sprechen will durch den Heiligen Geist. Hilfreich ist es, ein passendes Gebet zu sprechen.

Lesen Sie dann die Worte der Heiligen Schrift langsam und bedächtig. Schauen Sie auch die Anmerkungen an, wenn sie Ihnen weiter helfen können. Was Ihnen nichts zu sagen hat, lassen Sie einfach unbekümmert beiseite. Suchen Sie den kostbaren Schatz zu finden und fragen Sie sich bei jedem Abschnitt: „Was bedeutet das für mich, was ich da gelesen habe?“

zu 2. „Betrachte und bedenke“

Oft, besonders in den geschichtlichen Büchern des Alten und Neuen Testamentes, werden uns lebendige Szenen und sprechende Bilder von großer Leuchtkraft vor Augen gemalt; sie wollen geschaut, betrachtet werden. Alle Kräfte der Phantasie und der Sinne dürfen Ihnen dabei helfen, sich das Gelesene lebendig vorzustellen. Auf diese Weise kommt es leichter zu geistlicher Einsicht. Sie werden viel zu bedenken haben - wie Maria, die „alles in ihrem Herzen bewahrte, was geschehen war, und darüber nachdachte“ (Lk 2,19) „und überlegte, was dies zu bedeuten habe.“ (Lk 1,29); sind doch die Worte der Heiligen Schrift immer nur Zeichen, Wegweiser, die in große Tiefen deuten. Das ganze Heilshandeln Gottes und sein heiliger Wille in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart deutet sich in ihnen an. Gott aber spricht immer nur andeutend; er spricht leise, durch den Heiligen Geist; er spricht nur für den, der sich Zeit nimmt, still wird und bedenkt.

Es wird Gelegenheiten geben, wo Gott durch das äußere Wort, das Sie lesen und mit Ihrem Geist aufnehmen, Sie auch innerlich anspricht. Gott möchte Ihnen dann sein Wort ins Herz legen wie ein Samenkorn, das aufgeht. Dann wird das äußere Wort Gottes zum inneren Wort. Woran erkennt man dieses innere Wort? Es gibt „leichte“ Gedanken, die kommen und gehen; der Wind weht sie wie Laub bald hierhin, bald dorthin. Es gibt aber auch Gedanken, die haben ein seltsames Gewicht, werden gewichtig und haften im Herzen. Es ist der Geist Gottes, der dann ein Wort so schwerwiegend und gewichtig macht. Wenn Ihnen ein solches Wort innerlich aufgegangen ist, dann hat Gott einen Lebenskeim in Ihre Seele gesenkt, der reifen und wachsen will. Verweilen sie ruhig bei solchen Eingebungen.

zu 3. „Sprich mit Gott“

Wenn Ihnen aus dem Vielerlei der Gedanken also eine Wahrheit besonders wichtig geworden ist – so ist dies nun das Wort Gottes für Sie persönlich. Wenn Gott Sie so innerlich angesprochen hat, werden Sie nicht mehr nur beim Nachdenken und Erwägen stehen bleiben können. Vielmehr sind Sie zu einer Antwort eingeladen. Gottes Wort will immer seine Antwort. Es ist Ihnen ins Herz gedrungen, hat dieses erhoben und weit gemacht; das Wort bewegt Ihr Herz und beseelt es, macht froh, still, demütig, ehrfürchtig, liebend, hingebend, anbetend – je nachdem. Nutzen Sie diese Schwingen („Affekte“), die der Seele nun gegeben sind, denn sie wollen Sie zu Gott tragen. Lassen Sie sich von dem, was das Herz bewegt, hinführen zu einem innigen Herzensgebet, versuchen Sie ein Zwiegespräch, so wie ein Freund mit seinem Freund spricht. Suchen Sie nicht mehr nur die Gedanken Gottes nachzudenken, sondern suchen Sie Gott selbst; halten Sie Ihre Seele in die Sonne und sprechen Sie mit dem Vater, mit Christus, der Gottesmutter, wie es der gelesene Text gerade nahe legt.

Die Geistliche Lesung sollte also nicht beim Bedenken stehen bleiben; sie will zum betenden Lesen kommen, zum Sprechen mit Gott; zu liebendem Zwiegespräch. Sie werden immer neu auf Gott lauschen und ihm immer neu Antwort geben dürfen in Demut und Liebe, bittend und flehend, dankend und lobend, anbetend - wie das Herz es eben vermag.

zu 4. Und weiter - zwei Möglichkeiten

Das betende Zwiegespräch sollte nicht schon das Ende der Geistlichen Lesung sein. Dieses weist selbst über sich hinaus. Zwei verschiedene Möglichkeiten eröffnen sich in solchem Zwiegespräch: Der Herr kann Sie im Gebet liebend in seiner Nähe halten, oder er kann Sie nun in Dienst nehmen. Wählen Sie den Weg, den Gottes Gebetsanregung und Ihre Lebenssituation Ihnen nahe legen.

a) „Erhebe Deine Seele zu Gott“

Bei der Geistlichen Schriftlesung war Ihnen ein Gedanke besonders aufgeleuchtet und gewichtig geworden und Sie hatten zum Herzensgebet gefunden. Nun kann es sein, dass sich das Vielerlei der „Affekte“ zu einer einzigen stillen, ruhigen Grundhaltung vereinfacht. Darin wird Ihr Gebet dann ganz einfach; es ist kein Sprechen mit Gott mehr, sondern eine einfache Erhebung der Seele zu ihm. Es ist das einfache Gebet der Liebe, das Gebet der Einfachheit, das nicht mehr viel Worte braucht. Die Liebe mag nicht viel erzählen, schließlich sagt sie nur noch „Du“. Vielleicht hilft Ihnen dabei ein einfacher Gebetsruf: „Herr, ich weiß, dass Du mich liebst“ - „Herr, Du weißt, dass ich Dich liebe“, „Mein Gott und mein alles“ - oder wie immer. Ihre Seele ruht nun still vor Gott in Demut, Hingabe, Anbetung, oder wie sonst es ihr gerade gegeben ist.

Nicht bei jeder Geistlichen Lesung wird es Ihnen übrigens gelingen, in diese liebende Stille zu kommen. Im allgemeinen gelingt das nach längerer Übung der Geistlichen Lesung und des Gebets. Jedoch bleibt dieser spürbare innere Friede und diese Gemeinschaft mit Gott unverfügbares Geschenk Gottes, das niemals erzwungen werden kann. Immer aber soll die Lesung bedächtig sein und im Herzensgebet münden, dann wird Gott selbst - erst hier und da, dann immer eher und häufiger - Sie in dieses Gebet der Einfachheit führen.

Wenn es Ihnen so nicht gegeben ist oder wenn die Lebenssituation und Zeit es Ihnen so nicht erlauben, dann gehen Sie einen anderen Weg:

b) „Geh hin und handle“

Es kann sein, dass Sie der Herr im Gebet nicht zu sich zieht, sondern dass er Sie sendet: „Geh hin und handle ebenso!“ (Lk 10,37). Das Wort Gottes will ja getan werden: „Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann...“ (Mt 7,24). Wer das Wort Gottes tut, macht die Erfahrung, dass Christus ihm dabei nahe kommt, ja, dass er zum Bruder wird, gemäß der Verheißung: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,35). Nehmen Sie also das Wort, das der Herr Ihnen ins Herz gelegt hat, mit hinaus in Ihren Tag und versuchen Sie es zu tun, täglich, stündlich und überall. Das Wort Gottes, das getan wird, wird zum Wort des Lebens (Joh 6,68; vgl. 6,63). Sie werden merken: Ich bin „aus dem Tod in das Leben hinübergegangen“ (1 Joh 3,14). Dann leben wir ein neues Leben, und auch ringsum wird neues Leben sprießen; Friede und Freude wird sein. Das Wort, das getan wird, verwandelt die Welt.

Abschließende Gedanken

Die in solcher Weise geübte Schriftlesung ist einerseits eine gute Schule des Gebetes. Viele Jahrhunderte hindurch und bis in die Neuzeit hinein haben Christen ohne besondere Methoden einfach durch Schriftlesung die Kunst des freien inneren Betens geübt und gelernt, und für viele Christen dürfte sie auch heute noch die beste Gebetsschule sein. Wie sollte man auch leichter mit Gott sprechen lernen, als wenn Gott selbst zu uns spricht, uns durch sein heiliges Wort ins Zwiegespräch zieht und ins Gebet nimmt.

Diese Schriftlesung ist aber auch die beste Schule des Lebens. Christliches Leben ist immer da neu und ursprünglich aufgebrochen, wo Gottes Wort getan wurde; und warum sollte es heute anders sein? Wie sollten wir auch anders zu einem neuen Leben finden als durch den Herrn, der uns „Worte des ewigen Lebens“ sagt (Joh 6,68)?

(Vgl. Wolfgang Trilling (Hg.), in Zusammenarbeit mit K. H. Schelkle u. H. Schürmann. Geistliche Schriftlesung: Erläuterungen zum Neuen Testament für die Geistliche Lesung. Bd 1/1 [Beilage hierzu]. Patmos, Düsseldorf: 1962.)

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Kardinal Carlo Maria Martini zu Lectio Divina

(2.v.l.) Kardinal Martini auf dem 
Bibelkongress "Dei Verbum" in Rom

Zur Person: Geboren 1927 in Turin, seit 1944 Jesuit. 1979 zum Erzbischof von Mailand und 1983 zum Kardinal ernannt. Bereits mit 40 Jahren war er Rektor des Bibelinstituts und später der Gregoriana-Universität in Rom.
   
  Die einzigartige Verbindung von exegetischer Fachkompetenz und geistlicher Ausstrahlungskraft hat Carlo M. Martini zu einem der meistgelesenen religiösen Autoren gemacht. Papst Johannes Paul II. würdigte besonders seine Katechesestunden (lectio divina) in der Kathedrale von Mailand, mit denen er Massen von Menschen anzuziehen im Stande war, um sie neu für den christlichen Glauben zu begeistern. In großer Offenheit für die Nöte unserer Zeit und mit einer religiösen Wärme in seiner Sprache hat er vielen Menschen den Schatz des Wortes aufgetan.

Die Lectio Divina setzt das Gebet in Beziehung zur Heiligen Schrift, denn sie ist geistliche Schriftlesung. Ihr geht es nicht zuerst darum, mehr über Gott in Erfahrung zu bringen, sondern vielmehr darum, sich von ihm im eigenen Leben "treffen" zu lassen.

1. Lesung - Was sagt dieser Text?

Lies mehrmals den Text so, als würdest du ihn zum ersten Mal lesen. Zu empfehlen sind besonders die von der Liturgie für den Tag vorgesehenen Texte.

Dann versuche die wesentlichen Elemente, auf denen er beruht, plastisch herauszuarbeiten. Das ist ein dynamischer Vorgang, in dem es darum geht, die Konturen des Textes so zu sehen, dass aus der „flächigen" Darstellung ein „Gebirgspanorama" mit Licht- und Schatteneffekten wird. Wenn man die Verben, die grammatischen Subjekte und die Objekte mit dem Stift unterstreicht, gewinnen die einzelnen Satzteile unversehens an Gewicht. 
     Die Lesung öffnet sich zur Meditation hin: es geht in jedem Fall nur um das, was zum nächsten Schritt hinführen kann. Die Lesung soll nicht so knapp bemessen sein, dass die Meditation steril bleibt, aber auch nicht so ausgedehnt, dass sie ihren weiterführenden Zweck verfehlt.

Lass dich bei den Überlegungen von folgenden Fragen leiten:

2. Meditation - Was sagt mir dieser Text?

Kardinal Martini während seines Vortrags 
"Die Heilige Schrift im Zentrum der Kirche - 
Triebkraft der Pastoral"
Links: Bischof Vincenzo Paglia, 
Präsident der Katholischen Bibelföderation

Es geht hier nicht mehr um die analytische Würdigung von Subjekten, Objekten, Symbolen und inneren wie äußeren Gliederungen, wie in der vorangegangenen Phase, sondern um die Besinnung auf die Wertmaßstäbe des Textes, besonders auf die bleibenden. 
     Bei der Meditation sind Geist und Herz gefordert, da in den Wertmaßstäben oft vieles mitschwingt und mitgemeint ist. Welche Wertmaßstäbe setzt Jesus durch sein Verhalten? Welche setzt Paulus, und was kann ich tun, um sie in meinem Leben zu verwirklichen? Die Welt der Meditation ist sehr abwechslungsreich, weil man sich innerlich am Gotteswort misst und es sich zum Vorbild, zum Entwurf und zur Lebensregel macht. Doch bleibt die Meditation Durchgangsstadium zur nächsten Phase, zur Kontemplation.

Überdenke die Aussagen des Textes. Folgende Fragen helfen dabei:

3. Kontemplation oder Gebet - Angesprochen, zur Antwort finden.

Mit der Kontemplation kommen wir zum spezifisch christlichen Beten, dem Gebet „im Geist und in der Wahrheit." Sie ist der Übergang von der Betrachtung der Wertmaßstäbe zur Anbetung der Person Jesu, die alle Wertmaßstäbe zu einem Ganzen zusammenfasst, sie verkörpert und offenbart. Hier wird das Gebet zum Ereignis. In ihr vergisst man sogar alles, was dem Bewusstsein eine so anregende Hilfe war. Man betet Jesus an und liebt ihn, man schenkt sich ihm, man bittet um Vergebung, man preist die Größe Gottes, man verwendet sich für die eigene Armut oder für die Welt, die Menschen und die Kirche. Angel- und Bezugspunkt der Kontemplation ist immer die Person Jesu, der uns Kunde vom Vater gebracht hat.
     Die Gabe der göttlichen Liebe befindet sich keimhaft in jedem Getauften. Sehr oft aber hat sie nicht den Raum, d.h. den leiblichen, geistigen und anlagemäßigen Raum, sich auszudrücken. In der Kontemplation geschieht es, dass man dem Heiligen Geist leiblich Platz macht. Daher kann man sie auch als „Konversion", als Hinwendung des Menschen bezeichnen, der sich ganz Gott zuwendet, der sich, von ihm angezogen, ständig für ihn entscheidet und ihn mit ganzem Herzen, mit all seinen Gedanken und mit all seiner vom Geist übernatürlich erhöhten Kraft liebt.

(Vgl. "Die Heilige Schrift im Zentrum der Kirche - Triebkraft der Pastoral". Vortrag von Kardinal Carlo Maria Martini gehalten auf dem Internationalen Bibelkongress "Dei Verbum" vom 14. bis 18. Sep. 2005 in Rom - Carlo M. Martini. Tun, was Er will. Freiburg i.Br., Herder, 1987: 11.40-43.)

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C. Schriftmeditation
C. Schriftmeditation

1. Ein geeigneter Ort

Ich suche mir einen geeigneten Ort und richte ihn mit einfachen Mitteln her: Eine Kerze, ein Kreuz, ein Bild oder eine Pflanze geben diesem Platz Atmosphäre. Ich lege fest, wie viel Zeit ich mit dem Bibeltext verbringen möchte und sorge so gut es geht dafür, dass ich nicht gestört werde. Ich halte Papier und Stift bereit, falls ich etwas notieren möchte.

2. Die innere Vorbereitung

An meinem Platz gönne ich mir einige Augenblicke, um auch innerlich anzukommen. Bewusstes Atmen ist beim Stillwerden hilfreich. Nach einem Gebet zum Heiligen Geist wende ich mich dem Bibeltext zu.

3. Dem Wort persönlich begegnen

Ich lese die Bibelstelle langsam einmal im Ganzen durch, eventuell auch laut, um wahrzunehmen, wie sich der Text anhört. Auch wenn mir der Text schon sehr vertraut ist, versuche ich ihn zu lesen, als wäre es zum ersten Mal. Ich lasse ihn auf mich, auf meine ganz konkrete Lebenssituation wirken. Auf verschiedene Weise kann sich mir die Botschaft des Textes erschließen: Ich kann den Text nach einem Wort oder Vers abtasten, der mich ganzheitlich anspricht, und so lange dabei bleiben, wie es mich bewegt. Ich kann mit meiner Vorstellungskraft das Erzählte vor meinem inneren Auge wie in einem Film lebendig werden lassen. Ich kann mich mitten in das Geschehen als Teilnehmer oder Teilnehmerin hineinbegeben. Ich kann versuchen, das Gehörte mit eigenen Worten nachzuerzählen, eventuell es auch aufzuschreiben. Ich kann auch in die Rolle einer biblischen Person schlüpfen und aus ihrem Blickwinkel die Begebenheit erleben. Ich achte darauf, was im Umgang mit dem Bibeltext in mir lebendig wird. Dort kann ich anknüpfen und die Botschaft auf mich und die Welt von heute beziehen.

4. Das Wort ins Heute mitnehmen

Wenn sich meine Zeit mit dem Bibeltext dem Ende zuneigt, versuche ich mir zu vergegenwärtigen, was für mich heute wichtig war: ein Gedanke, eine Frage, ein inneres Bild, ein Wort. Vielleicht möchte ich dazu etwas gestalten, z.B. ein Erinnerungskärtchen, oder einen kurzen Eintrag in mein Tagebuch machen. Den Abschluss finde ich mit einem Gebet, einem Kreuzzeichen oder einer tiefen Verneigung und dem Willen, das Empfangene zu leben und weiterzugeben.

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D. Ignatianische Schriftmeditation
D. Ignatianische Schriftmeditation

nach: Ignatius von Loyola (vgl. Exerzitienbuch)

1. Sich einfinden

Ich schaffe mir den nötigen Raum:

2. Sich aufmachen

3. Verweilen

4. Beschließen

 

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