Methoden der Bibelauslegung

Im Lauf der Kirchengeschichte hat man die Bibel auf sehr unterschiedliche Arten gelesen. Bestehende Methoden wurden vervollkommnet und neue entwickelt, um immer tiefer dem Sinn des Wortes Gottes im Menschenwort nahe zu kommen. Diese Methodenvielfalt zeugt vom ungemeinen Reichtum der in der Schrift niedergelegten Botschaft, denn diese will und kann immer wieder neu gehört und verstanden werden.

Inhalt

I. DIE HISTORISCH-KRITISCHE METHODE

A. Warum "historisch-kritische" Methode?

B. Die Entstehung der Methode

C. Die einzelnen Schritte

D. Die Bedeutung der Methode

II. METHODEN DER LITERARISCHEN ANALYSE

A. Die rhetorische Analyse

B. Die narrative Analyse 

C. Die semiotische Analyse

III. AUF DIE TRADITION GEGRÜNDETE ZUGÄNGE

A. Der kanonische Zugang

B. Zugänge über die jüdische Interpretations-Tradition 

C. Der Zugang über die Wirkungsgeschichte

IV. ZUGÄNGE ÜBER DIE HUMANWISSENSCHAFTEN

A. Der soziologische Zugang

B. Der Zugang über die Kulturanthropologie 

C. Psychologische und psychoanalytische Zugänge

V. KONTEXTUELLE ZUGÄNGE

A. Der Zugang über die Befreiungstheologie

B. Der Zugang über die feministische Theologie

Direktzugriff auf die textbegleitend erklärten, 
exegetisch relevanten Begriffe

Allegorie, Analyse, Anthologie, apokryph

Cento

Dublette

Exegese

Feminismus

Gattungen literarische

Hermeneutik

Kanon (kanonisch), Kontext

Linguistik, literarische Gattungen, Literatur (literarisch)

Metapher (metaphorisch), Midrasch, Morphologie

narrativ

Parabel, Parallelismus, Perikope, Philologie, Psychoanalyse, Psychologie

Qumran,

Rabbinismus, Redaktion, Rezeption, Rhetorik

Semantik, Semiotik, semitisch (Semiten), Sprachwissenschaft, Syntax (syntaktisch)

Targum, Tiefenpsychologie

 

 

Eine grundsätzliche Unterscheidung der Methoden liegt darin, ob sie einen Zugang zur Entstehungsgeschichte der Texte suchen (diachron), oder ob sie den vorliegenden Text untersuchen und beschreiben (synchron).

I. Die historisch-kritische Methode 

Erklärung der im Text unterlegten Fach-Begriffe

analytisch, Analyse (griechisch analysis: Auflösung),

Sammelbezeichnung für unterschiedliche methodische Verfahren der Zergliederung eines Ganzen in seine Teile, vor allem in der Logik. Die Analyse kann sowohl darauf gerichtet sein, die stoffliche Zusammensetzung eines körperlichen Ganzen zu ergründen, als auch darauf, die Basis eines Denk- oder Beweisansatzes aufzudecken.

 

Exegese (griechisch exegesis: Erklärung, Auslegung),

Interpretation von Texten, insbesondere Auslegung der Bibel. Da die Bibel in der Sprache und Vorstellungswelt einer uns fernen Zeit abgefasst ist, muss ihr Verständnis immer wieder neu erschlossen werden. Die Exegese bedient sich dafür wissenschaftlicher Methoden.

 

Redaktion

heißt die Sammlung und Anordnung von sprachlichem Material, das veröffentlicht werden soll. Weil viele biblische Schriften aus verstreuten Einzelüberlieferungen zusammengetragen worden sind, nennt man diesen Bearbeitungsprozess die Redaktion der Schriften.

 

patristisch, Patristik 
(lateinisch: Väterlehre),

die Darstellung des theologischen Denkens der Kirchenväter (2. bis 7. Jht.; z.B.: Augustinus, Athanasius). Diese gelten als Zeugen des frühchristlichen Glaubens und kommen in der Bedeutung bald nach den Aposteln.

 

Manuskript (lateinisch manus: Hand; scribere: schreiben)

Unter Manuskript im ursprünglichen Sinn versteht man Niederschriften, die handschriftlich mit einem Pinsel, einer Feder, einem Bleistift oder einem Stilus angefertigt sind, im Gegensatz zu schriftlichen Vorlagen für den mechanischen Schieferplattendruck.

 

Papyrus (griechisch; 
Mehrzahl: Papyri),

ist ursprünglich ein bis zu 4 m hohes Sumpfgras, bezeichnet aber auch das aus dem Mark dieser Pflanze hergestellte Schreibmaterial, das unserem Papier ähnelt und ihm auch den Namen gab. Nahezu alle Bücher des AT und NT sind uns als Niederschriften auf Papyrus erhalten.

 

Sprachwissenschaft (Linguistik),

in Anlehnung an den englischen und französischen Sprachgebrauch in der Regel synonym mit Linguistik verwendeter Sammelbegriff, der die Wissenschaften bezeichnet, die sich mit der Sprache beschäftigen. Im engeren Sinn wird die Linguistik als relativ junge, auf die innere Sprachstruktur bezogene Wissenschaft auch als Teildisziplin der allgemeinen Sprachwissenschaft gesehen.

 

morphologisch, Morphologie (Formenlehre)

Die nach den Lauten bzgl. der Funktion nächst größeren sprachlichen Einheiten  sind die Morpheme. Die Morphologie beschreibt, wie diese als Basis-, Flexions- oder Wortbildungsmorpheme Bedeutung transportieren bzw. Beziehungen innerhalb des Satzes herstellen: Kind (Basis), Kinder (Flexion), kindlich (Wortbildung). 

 

syntaktisch, Syntax (Satzlehre)

Wörter fügen sich zu größeren Einheiten, Phrasen (der alte Mann) und Sätzen zusammen. Diese beschreibt die Syntax  als System von Regeln, das es ermöglicht, aus einem endlichen Inventar von Grundeinheiten eine unendliche Menge von sprachlichen Äußerungen erzeugen zu können.

 

semantisch, Semantik (Bedeutungslehre).

Sie untersucht die Bedeutung eines Wortes, d.h. seine möglichen Funktionen und Verwendungsweisen in Sätzen und die Bedeutungssysteme, die Wörter unabhängig von Sätzen (winzig, klein, groß, riesig) bilden können.

philologisch, Philologie
(griechisch philos: Freund und
logos: Wort, Lehre),

geisteswissenschaftliche Disziplin, im engeren Sinn die Erforschung und Deutung von Texten, im weiteren Sinn die auf der Untersuchung der Sprache und Literatur basierende Erforschung der Entwicklungsgeschichte und Kultur eines Volkes.

 

Kohärenz, kohärent 

(lateinisch) Zusammenhang, kohärent = zusammenhängend.

 

Dublette,

Begriff aus dem Fachbereich der Literarkritik, der die Aussprüche bezeichnet, die zweimal in demselben Evangelium vorkommen. So z.B. der Spruch über die Lampe (Lk 8,16 = 11,33).

 

literarische Gattungen

Die mündliche und schriftliche Überlieferung der Menschen ist an sprachliche Gattungen gebunden. Damit sind unterschiedliche Formen gemeint, die von Aussageinteressen, Erzählsituation, Entstehungsort u.a. bestimmt werden. Im Buch Genesis z.B. kommen Lieder, Sprüche, Listen, Mythen, Sagen, Kultlegenden und Novellen vor. Für die Frage, wie ein Text richtig interpretiert werden kann und in welcher Weise er Wahrheit übermittelt, ist das Studium seiner Gattung wesentlich.

 

Tradition, Tradierung

ist die Überlieferung von Erfahrungen, Fähigkeiten und Werten, die in früheren Generationen gewonnen wurden und für die Gegenwart bedeutend bleiben. Tradierung bezeichnet spezifischer den Vorgang des Überlieferns.

 

Hellenismus

Epoche der antiken Geschichte (3. bis 1. Jht. v. Chr.), in der sich das Griechentum (Hellas = Griechenland) politisch und kulturell ausbreitete. Im weiteren Sinn bezeichnet Hellenismus die Wirkung der griechischen Kultur nach ihrer Hochblüte in Begegnung mit anderen Kulturen (bis ca. 200 n. Chr.).

 

Rekonstruktion, rekonstruieren

(lateinisch) bedeutet [den ursprünglichen Zustand] wieder herstellen oder nachbilden; den Ablauf eines früheren Ereignisses wiedergeben. Hier anderes Wort für Analyse.

Die klassische historisch-kritische Exegese gehört zur diachronen Form der Methoden.

A. Warum "historisch-kritische" Methode? 

Die Heilige Schrift, ist "Wort Gottes in menschlicher Sprache". Sie ist in all ihren Teilen und Quellen von menschlichen Autoren verfasst worden, so dass sich eine wissenschaftliche Erforschung mit Hilfe der historisch-kritischen Methode als unerlässlich erweist, wenn man den Sinn ihrer alten Texte erschließen will. 

Die Grundprinzipien der historisch-kritischen Methode in ihrer klassischen Form sind die folgenden: 

1. Es ist eine historische Methode; nicht nur, weil sie sich auf alte Texte bezieht - im vorliegenden Fall auf die der Bibel - und weil sie deren historische Tragweite erforscht, sondern auch und vor allem, weil sie versucht, den historischen Prozess der Entstehung der biblischen Texte zu klären; dieser diachrone Prozess war oft kompliziert und von langer Dauer. In den verschiedenen Stadien ihrer Entstehung wandten sich unterschiedliche Autoren an verschiedene Kategorien von Zuhörern oder Lesern, die sich in verschiedenen Situationen in Raum und Zeit befanden.

2. Es ist eine kritische Methode, denn sie arbeitet in ihrem ganzen Vorgehen (von der Textkritik bis zur Redaktionskritik) mit Hilfe wissenschaftlicher, möglichst objektiver Kriterien, um so dem heutigen Leser den Zugang zum Inhalt der biblischen Texte zu ermöglichen, deren Sinn oft schwer zu erfassen ist. Als analytische Methode erforscht sie den biblischen Text auf die gleiche Art und Weise wie sie jeden anderen Text der Antike erforscht. Sie erläutert ihn als Erzeugnis der menschlichen Sprache. Dadurch hilft sie aber dem Exegeten, vor allem in der Erforschung der Redaktion der Texte, den Inhalt der in der Bibel enthaltenen göttlichen Offenbarung besser zu erfassen.

B. Entstehung der Methode 

Einige Elemente dieser Interpretationsmethode reichen bis in die griechische Antike und die patristische Zeit zurück. Als wissenschaftliche Disziplin jedoch entwickelte sich die Textkritik des Neuen Testaments erst seit etwa 1800, während die Literarkritik schon auf das 17. Jht. zurückgeht. Im Deutschland des 19. Jhts. wurde die Methode dann finalisiert. 

So wurde die Reihe der verschiedenen Schritte der historisch-kritischen Methode vervollständigt: Von der Textkritik kommt man zur Literarkritik, die die Texte zerlegt, dann zu einer kritischen Erforschung der Formen und schließlich zu einer redaktionsgeschichtlichen Analyse, die dem Text als ganzem ihre Aufmerksamkeit schenkt. In der Anwendung dieser Methode wurde es möglich, ein klareres Verständnis der Absicht der Verfasser und der Redaktoren der Bibel zu erhalten, und dadurch auch der Botschaft, die sie den ersten Empfängern vermitteln wollten. Die historisch-kritische Forschung gewann mit dieser Methodik eine hervorragende Bedeutung.

C. Die einzelnen Schritte der Methode

1. Textkritik: Da uns keine Schrift der Bibel im Original vorliegt, und die einzelnen Abschriften an einigen Stellen voneinander abweichen, macht die Textkritik es sich zur Aufgabe, einen biblischen Text zu erstellen, der dem Original so nahe wie möglich kommt. Nach bestimmten Regeln werden die Texte der ältesten und besten Manuskripte, der Papyri sowie der alten Übersetzungen und der Patristik miteinander verglichen und selektiert. 

Danach wird der Text einer linguistischen (morphologischen und syntaktischen) und semantischen Analyse unterzogen, die die Erkenntnisse der historisch-philologischen Forschung benützt.

2. Literarkritik (Quellenkritik): Die Literarkritik bemüht sich, die innere Kohärenz des heute vorliegenden Textes zu prüfen, also ob er "aus einem Guss" ist. Die Existenz von Dubletten, unvereinbaren Gegensätzen, stilistischen Eigenheiten und anderen Indizien lassen den zusammengesetzten Charakter eines Textes erkennen. Der Bibeltext wird in kleine Einheiten unterteilt, um deren mögliche Zugehörigkeit zu verschiedenen Autoren zu bestimmen und die literarische Entstehungsgeschichte (historische Entstehungszeit und Anlass) zu analysieren; jede Zeit hat ja ihre sprachlichen Charakteristiken und inhaltlichen Schwerpunkte.

3. Formgeschichte (Gattungskritik): Die formgeschichtliche Methode geht davon aus, dass jede sprachliche Äußerung eine bestimmte Form hat. Aufgrund der Form kann zum ursprünglichen Sinn des Textes vorgedrungen werden. Dabei wird untersucht: 

-  Um welche Art von Literatur handelt es sich? Z. B.: Gleichnis, Wundererzählung, Gebet, Gebot, Brief, Lied, Rede,... (Untersuchung der literarischen Gattung). Dies lässt sich u. a. an bestimmten Formeln ("Paulus... an die Kirche Gottes, die in Korinth ist" - ein Brief, "Mit dem Himmelreich ist es wie mit..." - ein Gleichnis) oder Motiven (sprechende Tiere - eine Fabel) erkennen. 

-  Bei welcher Gelegenheit wurde der Text gesprochen und niedergeschrieben (Sitz im Leben)? Jeder Bibeltext kommt aus einer bestimmten Lebenssituation und wurde für eine bestimmte Situation und in einer mehr oder weniger klaren Absicht geschrieben. 

-  Die Gattung und der Sitz im Leben lassen die Absicht eines Textes besser erkennen. So weist der Anfang "Mit dem Reich Gottes ist es wie..." auf ein Gleichnis hin, das keine historische Reportage sein will.

4. Redaktionsgeschichte (Redaktionskritik): Die Redaktionskritik untersucht die Veränderungen, die ein Text erfahren hat, bevor er zu seiner endgültigen Form gelangte. Sie analysiert die Endgestalt, indem sie den Text unter dem Gesichtspunkt verschiedener Orientierungen aufgliedert. Welche Arbeit hat der Letztverfasser geleistet, wie hat er bereits vorhandenen Verkündigungsstoff zu einem Buch oder Evangelium zusammengestellt? Zeichen dafür sind z. B. in den Evangelien oft überleitende Sätze wie "Nach diesen Ereignissen...". 

Während man in den vorangegangenen Schritten versucht hat, den Text in seinem Werden aus einer diachronen Perspektive zu erklären, so wird dieser Schritt durch eine synchrone Untersuchung abgerundet: Man erläutert nun den Text als solchen, dank der gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen Elemente untereinander und betrachtet ihn unter dem Gesichtspunkt einer Botschaft, die der Verfasser seinen Zeitgenossen vermitteln will.

5. Überlieferungsgeschichte (Traditionskritik): Sie fragt, ob Überlieferungsstufen vor dem schriftlichen Text zu finden sind. Wie wurde die einzelne Bibelstelle mündlich tradiert? Welche Überlieferungsströme sind im Laufe der Geschichte auszumachen, wie haben sie sich entwickelt und wo ist der vorliegende Text darin anzusiedeln? Anders als die Formkritik fragt die Traditionskritik nach inhaltlich geprägten, überlieferten Stoffen, nach der Tradierung eines Motivs (z. B. Exodus, David, Königtum...).

6. Religionsgeschichtlicher Vergleich: Die Bibel ist in einer konkreten Zeit und Kultur entstanden, und die Autoren haben sich der sprachlichen Mittel ihrer Zeit bedient. Das NT ist z. B. geprägt von den Kulturkreisen des Judentums und des Hellenismus, von denen beiden es sprachliche Formen, Motive und Ausdrücke übernommen hat. So kommen z. B. Wundererzählungen auch außerhalb des NT in der damaligen Literatur vor. Aufgabe des religionsgeschichtlichen Vergleiches ist es, Übereinstimmungen und Unterschiede festzustellen, um zum Kern der christlichen Botschaft zu gelangen.

D. Die Bedeutung dieser Methode

Die historisch-kritische Methode eröffnet einen neuen Zugang zur Bibel, indem sie aufzeigt, dass diese eine Sammlung von Schriften ist, die meistens, besonders im Alten Testament, nicht von einem einzigen Verfasser stammen, sondern eine lange Vorgeschichte haben. Diese wiederum ist unentwirrbar mit der Geschichte Israels oder derjenigen der Urkirche verflochten. Vorher war sich die jüdische und die christliche Bibelauslegung der konkreten historischen Gegebenheiten, in denen das Wort Gottes Wurzeln gefasst hatte, nicht so klar bewusst. Die Kenntnisse waren eher summarisch und unscharf.

Die Konfrontation der traditionellen Exegese mit einer wissenschaftlichen Methode, die in ihren Anfängen bewusst vom Glauben absah, ihm manchmal sogar widersprach, war gewiss ein schmerzlicher Prozess; doch stellte sich dies später als heilsam heraus. Nachdem die Methode von den ihr anhaftenden Voreingenommenheiten befreit wurde, konnte sie wirkungsvoll zu einem genaueren Verständnis der Wahrheit der Heiligen Schrift beitragen (vgl. Dei Verbum, 12).

Die diachrone Rekonstruktion bleibt unentbehrlich, um die geschichtliche Dynamik, die der Heiligen Schrift innewohnt, und ihre reiche Komplexität aufzuzeigen. Jedoch ist eine Ergänzung durch synchrone Zugänge wünschenswert, wenn nicht gar notwendig, um dem modernen Leser den Zugang zum Verständnis der Bibeltexte, wie sie heute vorliegen, zu öffnen. Andererseits darf man auch nicht in das gegenteilige Extrem verfallen, nämlich in eine ausschließlich synchrone Exegese, die die Geschichte der Texte ignoriert.

 

 

Keiner wissenschaftlichen Methode der Erforschung der Bibel ist es möglich, für sich allein dem Reichtum der biblischen Texte ganz gerecht werden. So kann auch die historisch-kritische Methode nicht den Anspruch erheben, allem zu genügen. Sie lässt unweigerlich zahlreiche Aspekte der Texte, die sie erforscht, im Dunkeln. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass immer wieder neue Methoden und Zugänge vorgeschlagen werden, um den einen oder andern wichtigen Aspekt eines Textes tiefer zu erfassen. Im Folgendenden eine kurze Erläuterung verschiedener Ansätze, die den synchronen Zugang zum Bibeltext suchen.

II. Methoden der literarischen Analyse

Erklärung der im Text unterlegten Fach-Begriffe

literarisch, Literatur

(neulateinisch) das Geschriebene, die Gesamtheit der schriftlichen Überlieferung eines Volkes oder einer bestimmten Zeit.

 

Rhetorik (griechisch rhetorike techne: Redekunst oder Redetechnik), 

im weitesten Sinn sowohl Theorie als auch praktische Technik der geschriebenen und gesprochenen Rede mit dem Ziel, den Rezipienten oder Zuhörer zu überzeugen und im Sinne des Redners zu beeinflussen.

 

semitisch, Semiten

Bezeichnung, die erst Ende des 18. Jahrhunderts für die in der Bibel genannten Völker (AT, Genesis 10, 21-32) verwendet wurde, die von Sem, dem ältesten Sohn des biblischen Stammvaters Noah, abstammten. Seitdem versteht man unter Semiten Menschen, die eine semitische Sprache sprechen. Zu den semitisch sprechenden Völkern der Antike zählten die Bewohner von Aram, Assyrien, Babylonien, Kanaan (einschließlich der Israeliten) und Phönikien. Heute sprechen die Araber und die Juden, insbesondere in Israel, noch semitische Sprachen.

 

Parallelismus

ist die meistverwendete orientalische und alttestamentliche Form der Poesie. Eine rhythmische Einheit wird dabei aus zwei (oder drei) Halbversen bzw. Reihen gebildet und nach dem Parallelismus der Versglieder aufgebaut. Bsp. Ps 19,2 (Der zweite, parallele Halbvers variiert den ersten mit sinngleichen Worten): 
Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.

 

Semiotik (griechisch sema: Zeichen), 

die Wissenschaft von den Zeichen. Gegenstand der Semiotik sind Strukturen und Abläufe von Zeichen- und Verstehens- prozessen.

 

Anthropologie (griechisch: Lehre vom Menschen),

a) naturwissen- schaftlich: Wissenschaft von der Abstammung des Menschen, der Entwicklung, Differenzierung und Ausbreitung seiner Art.
b) geisteswissen- schaftlich: kreist um die Grundfrage der Philosophie: Was ist der Mensch?

 

Soziologie (von lateinisch socius: Gefährte, Geselle), 

die Wissenschaft von der Gesamtheit der sozialen Beziehungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Sie untersucht und beschreibt den Bereich der zwischen- menschlichen Beziehungen, die Interaktion zwischen sozialen Gruppen, Organisationen und Institutionen und ihre gesamtgesell- schaftliche Bedeutung.

 

Kontext (lateinisch contextus: Zusammenhang),

der sprachliche Zusammenhang; der ein Wort oder eine Wendung umgebende Text oder die im Text nicht ausgedrückte Sprecher-Hörer- Situation, die für das Verständnis wichtig ist.

 

narrativ (lateinisch narrare: erzählen, berichten),

man kann Texte nach der ihnen zugrunde liegenden Intention gegeneinander abgrenzen, z.B. überzeugen und begründen (argumentativer Text), informieren (deskriptiver Text) und erzählen (narrativer Text).

 

impliziter Leser

ist der vom Autor mitgedachte Adressat seines Textes. Implizit: mit eingeschlossen, stillschweigend mitgemeint, nicht entfaltet.

 

Hermeneutik (griechisch hermeneuein: ausdrücken, auslegen, übersetzen),

Meinte zunächst die Theorie der Auslegung von Texten. Heute versteht man darunter mehr die aktualisierende Interpretation; d.h. eine Auslegung, die sich in "Übersetzung, Übertragung" bemüht, einen Text den heutigen Hörern verständlich zu machen.

 

explizit,

auseinandergefaltet, erklärt, ausführlich dargelegt.

 

existentiell,

das Dasein, die Existenz des einzelnen und bestimmten Menschen betreffend.

 

immanent, Immanenz,

innewohnend, darin enthalten, seine Systemgrenzen einhaltend.

 

Transformation,

(lateinisch) Umformung, Umwandlung, Umgestaltung.

 

diskursiv, Diskurs (lateinisch discursus, von discurrere: auseinander laufen, hin und her laufen),

im allgemeinen Sprachgebrauch Rede, Gespräch, Erörterung. In den Geisteswissen- schaften eine logisch fortschreitende Argumentationskette, bei der methodisch das Ganze aus seinen Teilen aufgebaut wird. Mittelbares, begriffliches Denken wird als diskursives bezeichnet, im Gegensatz zum auf unmittelbarer Anschauung beruhenden intuitiven Erkennen.

A. Die rhetorische Analyse

Die Rhetorik ist die Kunst, mit einer Rede zu überzeugen. Da im Grunde genommen alle biblischen Texte bis zu einem gewissen Grad überzeugen wollen, sollte der Exeget etwas von der Redekunst verstehen.

Viele neuere biblische Forschungen haben der Rhetorik in der Heiligen Schrift große Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei lassen sich drei verschiedene Zugänge unterscheiden. Der erste stützt sich auf die klassische, griechisch-lateinische Rhetorik; der zweite widmet seine Aufmerksamkeit den Abfassungsprozessen im semitischen Kulturraum; der dritte geht von modernen Erkenntnissen aus, die man "Neue Rhetorik" nennt.

1. Die klassische Rhetorik unterscheidet drei Überzeugungsfaktoren, die zur Qualität einer Rede beitragen: a) die Autorität des Redners, b) die Argumentation der Rede und c) die Emotionen, welche die Rede in der Hörerschaft auslöst.

2. Die Untersuchung der spezifischen Merkmale der biblischen Literaturtradition, die in der semitischen Kultur beheimatet ist, richtet ihr Augenmerk vor allem auf die symmetrischen Kompositionen, für die die semitische Kultur eine betonte Vorliebe hat und die zwischen den verschiedenen Textelementen die Verbindung schaffen. Die Erforschung der vielfältigen Formen des Parallelismus und anderer semitischer Kompositionsweisen erlaubt es, die literarische Struktur der Texte besser zu erfassen und dadurch zu einem besseren Verständnis ihrer Botschaft zu gelangen. 

3. Die "Neue Rhetorik" geht von einem allgemeineren Standpunkt aus. Sie will nicht nur eine Art Inventar der Stilfiguren, der Redekunst und der Gattungen von Rede sein. Sie erforscht die Überzeugungskraft der Sprache, indem sie fragt, warum dieser oder jener spezifische Sprachgebrauch hier oder dort wirksam ist. Sie erforscht Stil und Komposition als Mittel zu dem Zweck, die Hörerschaft zu beeinflussen. Dazu nutzt sie die neueren Forschungsergebnisse gewisser Disziplinen wie Semiotik, Anthropologie und Soziologie. Die Grundannahme ist: Die Bibel ist nicht einfach eine Bekundung von Wahrheiten. Sie ist Botschaft und hat Kommunikationsfunktion in einem bestimmten Kontext; ihr liegt eine Argumentationsdynamik und eine rhetorische Strategie zugrunde.

- Einordnung der Methode

Auch die rhetorische Analyse hat ihre Grenzen. Sie ist rein beschreibend und insofern haben ihre Ergebnisse oft nur stilistisches Interesse. Wegen ihrer Synchronie kann sie nicht behaupten, eine unabhängige Methode darzustellen, die sich selbst genügte.

B. Die narrative Analyse

Für die narrativen Zugänge muss zwischen analytischer Methode und der darauf fußenden theologischen Reflexion unterschieden werden.

1. Unter den zahlreichen analytischen Methoden, die heute verwendet werden, gehen die einen von der Erforschung der narrativen Modelle der Vergangenheit aus. Die anderen stützen sich auf aktuelle "Narratologien", die gewisse Gemeinsamkeiten mit der Semiotik haben können. Die narrative Analyse widmet ihre Aufmerksamkeit besonders den Textelementen, auf denen der Spannungsbogen, die Charaktere und der Gesichtspunkt des Erzählers beruhen; sie erforscht die Art und Weise, wie eine Geschichte erzählt wird, um den Leser in "die Welt der Erzählung" und ihr Wertsystem mit einzubeziehen.

Verschiedene Methoden unterscheiden zwischen "realem Leser" und "implizitem Leser". Beim "realen Leser" geht es um alle Personen, die Zugang zum Text haben, angefangen von den ersten Empfängern, die ihn gelesen oder gehört haben, bis zu den heutigen Lesern oder Hörern. Unter dem "impliziten Leser" versteht man denjenigen, der vom Text vorausgesetzt oder produziert wird, der fähig ist, die notwendigen geistigen und affektiven Bewegungen zu vollziehen, um in die Welt der Erzählung einzutreten und so darauf zu antworten, wie es der reale Autor durch den impliziten Autor erstrebt. Ein Text übt nun seinen Einfluss solange aus, wie die realen Leser (z. B. wir, am Beginn des 21. Jhts.) sich mit dem impliziten Leser identifizieren können. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Exegese, diese Identifikation zu erleichtern. 

Aus der narrativen Analyse entsteht eine neue Art und Weise, die Tragweite der Texte zu ermessen. Sie kann für die Bibelauslegung von großem Nutzen sein, denn eine sehr große Zahl der biblischen Texte hat narrativen Charakter. Sie kann dazu beitragen, den oft mühsamen Übergang vom Sinn des Textes in seinem historischen Kontext - so wie die historisch-kritische Methode ihn zu definieren versucht - zur Bedeutsamkeit des Textes für den heutigen Leser zu erleichtern.

2. Die theologische Reflexion hat sich mit dieser spezifisch literarischen Forschungsgattung verbunden, um den Einfluss der Erzählungsart - also des Zeugnisses - der Heiligen Schrift auf die Annahme des Glaubens zu bestimmen und von da aus eine Hermeneutik für das konkrete Leben und für die Pastoral abzuleiten. Man erwartet von der narrativen Exegese, dass sie die Bedeutungs- und Kommunikationsformen des biblischen Erzählens in neue historische Kontexte hinein übersetzt, um so dessen Wirkkraft für das Heil besser erfahren zu lassen. Es wird auf die Notwendigkeit Gewicht gelegt, "das Heil zu erzählen" ("informativer" Aspekt der Erzählung) und es "im Blick auf das Heil zu erzählen" ("performativer" Aspekt). Explizit oder implizit enthält ja die biblische Erzählung tatsächlich einen existentiellen Anruf an den Leser.

- Einordnung der Methode

Was die Bibel betrifft, kann sich die narrative Analyse nicht damit begnügen, dieser irgendwelche vorfabrizierte Modelle überzustülpen. Die Analyse muss sich bemühen, der Eigenart der Bibel Rechnung zu tragen. Der synchrone Zugang zu den Texten muss durch diachrone Forschungen ergänzt werden. Ferner muss sie sich vor der möglichen Tendenz hüten, jede systematisierende, lehrhaft formulierte Interpretation der in der Bibel enthaltenen Erzählungen auszuschließen. Sie würde dadurch in Widerspruch treten zur biblischen Tradition, die solche lehrhaften Texte enthält, und zur kirchlichen Tradition, die auf diesem Weg weitergegangen ist. Und schließlich darf man die existentielle subjektive Wirksamkeit des auf narrative Weise übermittelten Wortes Gottes nicht als ausreichendes Kriterium für allein wahre Interpretation betrachten.

C. Die semiotische Analyse

Diese Methode, die zuerst mit dem allgemeinen Begriff "Strukturalismus" bezeichnet wurde, hat zu ihrem Ahnen den schweizerischen Linguisten Ferdinand de Saussure. Dieser hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Theorie ausgearbeitet, nach der jede Sprache ein System von Beziehungen ist, das bestimmten Regeln gehorcht. Linguisten und Literaturwissenschaftler nahmen entscheidend Einfluss auf die Entwicklung der Methode. Die Mehrheit der Bibliker, die die Semiotik für die Erforschung der Bibel benützen, beruft sich auf Algirdas J. Greimas und die Pariser Schule, deren Gründer er ist. Ähnliche Methoden oder Zugänge, die auf der modernen Linguistik gründen, entwickelten sich aber auch anderswo. Wir wollen hier als ein Beispiel kurz die Methode Greimas' vorstellen und analysieren. 

Die Semiotik ruht auf drei Hauptprinzipien:

1. Das Immanenzprinzip: Jeder Text formt eine Bedeutungseinheit; die Analyse betrachtet den ganzen Text, doch nur den Text; sie stützt sich auf keine "äußeren" Gegebenheiten wie z.B. Verfasser, Empfänger, erzählte Ereignisse oder Redaktionsgeschichte.

2. Das Prinzip der Sinnstruktur: Einen Sinn gibt es nur durch und in der Beziehung, besonders in der Beziehung der Differenzen zueinander; die Analyse eines Textes besteht somit darin, das Netz der Beziehungen zwischen den Elementen zu ermitteln (Oppositionen, Identifikationen), woraus sich dann der Sinn des Textes ergibt.

3. Das Prinzip der Textgrammatik: Jeder Text benützt eine Grammatik, d.h. eine gewisse Anzahl von Regeln oder Strukturen; in einer Einheit von Sätzen, die man Rede nennt, gibt es verschiedene Ebenen, von denen jede ihre eigene Grammatik hat. 

Der Gesamtinhalt eines Textes kann auf drei Ebenen analysiert werden:

1. Narrative Ebene: In einem Text werden die Veränderungen erforscht, die zwischen der Anfangs- und der Schlusssituation stattgefunden haben. Innerhalb eines narrativen Bogens sucht die Analyse die verschiedenen Phasen herauszuarbeiten, die miteinander logisch verbunden sind und zur Transformation geführt haben. In jeder dieser Phasen präzisiert man die Beziehungen zwischen den "Rollen", die von "Aktanten" ausgeführt werden, die die Situationen definieren und die Transformation herbeiführen. 

2. Diskursive Ebene: Die Analyse besteht in drei Arbeitsgängen: a) die Figuren, d.h. die Bedeutungselemente eines Textes (handelnde Personen, Zeit und Ort), werden bestimmt und klassifiziert; b) die Bahn, die jede Figur eines Textes durchläuft, wird bestimmt, um festzustellen, in welcher Weise dieser Text sie benützt; c) die thematischen Werte der Figuren werden untersucht; diese Untersuchung besteht in der Beantwortung der Frage, "in wessen Namen" (=Wert) die Personen in einem gegebenen Text gerade diese Entwicklung durchlaufen. 

3. Logisch-semantische Ebene: Diese ist die tiefste Ebene und gleichzeitig die abstrakteste. Sie beruht auf der Annahme, dass jeder Rede und ihrer narrativen und diskursiven Gestaltung logische Formen und Formen des Bedeutens zugrunde liegen. Auf dieser Ebene besteht die Analyse darin, die Logik zu präzisieren, die den grundlegenden Gliederungen des erzählerischen und figurativen Bogens eines Textes innewohnt.

Die Theoretiker bauen die semiotische Methode immer weiter aus. Die gegenwärtigen Forschungen beziehen sich namentlich auf die "Ausdrucksweise" ("Enonciation") und auf die "Intertextualität". Zuerst wurde diese Methode auf die erzählenden Texte der Heiligen Schrift angewendet, da sich diese besser dazu eignen. Doch überträgt man sie immer mehr auch auf andere Gattungen biblischer Darstellung.

- Einordnung der Methode

Indem die Semiotik vermehrt darauf aufmerksam macht, dass jeder biblische Text ein kohärentes Ganzes ist, das bestimmten linguistischen Gesetzen gehorcht, trägt sie zum Verständnis der Bibel als dem Wort Gottes in menschlicher Sprache bei. 

Die Semiotik kann zur Erforschung der Bibel aber nur dann gebraucht werden, wenn man diese Methode der Analyse von gewissen in der strukturalistischen Philosophie entwickelten Voraussetzungen frei macht, d.h. wenn man sie von der Negierung des erzählenden Subjekts und des außertextlichen Bezugs löst. Bei denjenigen, die die semiotische Analyse verwenden, ist das Risiko groß, sich mit einer formellen Erforschung des Inhaltes zu begnügen und so an der Botschaft der Texte vorbeizugehen.

Wenn die semiotische Analyse sich nicht in den Labyrinthen einer komplizierten Terminologie verliert, wenn sie in einfacher Sprache in ihren Hauptelementen dargelegt wird, kann sie das berechtigte Bedürfnis wecken, den biblischen Text zu studieren und seine Sinndimensionen zu entdecken, auch wenn das historische Wissen um den Text und seine sozio-kulturelle Welt begrenzt bleibt. So kann sich diese Methode selbst in der Seelsorge, besonders für eine Aneignung der Heiligen Schrift in nicht spezialisierten Kreisen, als nützlich erweisen.

 

Die oben dargestellten literarischen Methoden legen im Gegensatz zur historisch-kritischen Methode ihr Gewicht auf die innere Einheit der erforschten Texte, doch untersuchen sie jeden Text isoliert für sich. Die Bibel ist aber nun nicht einfach nur eine Sammlung von Texten, die beziehungslos nebeneinander stehen; sie ist vielmehr eine Einheit von Zeugnissen einer einzigen großen Tradition. Auch dieser Tatsache muss die biblische Exegese Rechnung tragen; sie tut es mit mehreren modernen Zugängen.

III. Auf die Tradition gegründete Zugänge

Erklärung der im Text unterlegten Fach-Begriffe

kanonisch, Kanon (griechisch kanon: Regel, Norm)

bezeichnet die Zusammenstellung der jüdischen und urchristlichen Schriften, die als göttlich eingegeben gelten und in die Bibel aufgenommen wurden. Die katholische Kirche hat 1546 im Konzil zu Trient ihren Kanon endgültig festgelegt; er umfasst 47 Bücher für das AT und 27 Schriften für das NT.

 

Interaktion,

umfassender Begriff für Prozesse der wechselseitigen Beeinflussung.

 

Qumran,

heißt der Ort am Toten Meer, wo von 150 v. bis 68 n. Chr. eine Gemeinschaft von Juden lebte, die sich vom offiziellen Judentum abgesetzt hatte. 1947 wurden dort in einer Höhle Handschriften des AT gefunden. Insgesamt hat man daraufhin 11 Höhlen und mehr als 600 Handschriften entdeckt, darunter einen vollständigen Jesaja-Text.

 

Diaspora (griechisch: Zerstreuung),

religiöse Minderheit unter einer andersgläubigen Mehrheit. Bezeichnet auch die außerhalb Palästinas lebenden, unter die Heiden zerstreuten Juden.

 

Targum (aramäisch/hetitisch: bekannt machen, erklären, übersetzen; Mehrzahl: Targumim),

Eine umschreibende Erklärung der Bibel in aramäischer Sprache, die bei den Juden nach der Rückkehr aus dem Exil (538 v. Chr.) notwendig geworden war, weil man das Hebräisch nicht mehr allgemein verstand. Zuerst mündlich vorgetragen, wurden sie meist erst nach der Zeitenwende schriftlich fixiert.

 

Midrasch (hebräisch: Studium, Forschung, Auslegung; Mehrzahl: Midraschim),

eine Methode und literarische Gattung der jüdischen Schriftauslegung, die sich in der nachexilischen Zeit herausgebildet hat. Ihr geht es darum, die Schrift im Blick auf das Heute und als Ermahnung zu besserem Leben zu erklären.

 

apokryph (griechisch: dem Blick entzogen, verborgen),

bzw. Apokryphen nennt man jene Schriften der jüdischen und christlichen Tradition, die den in den Kanon aufgenommenen Büchern zwar ähnlich sind, jedoch nicht als Heilige Schrift anerkannt wurden.

 

Parabel (griechisch: Nebeneinanderstellung),

zu deutsch Gleichnis; eine Redegattung, in der ein bestimmter Gedanke mit Hilfe eines Bildwortes veranschaulicht wird. Zwei Wirklichkeiten werden nebeneinandergestellt, eine religiöse und eine aus dem Lebensbereich des Menschen. Bsp.: Mt 18,12-14
Das Gleichnis vom verlorenen Schaf.

 

Allegorie (griechisch: etwas anderes sagen),

eine zur Erzählung ausgebaute Bedeutungsübertragung (Metapher), in der jedes Detail seine eigene Bedeutung hat. So in der Allegorie vom guten Hirten in Joh 10,1-5: der Hirt, die Schafe, die Tür, der Schafspferch, der Türhüter.

 

Anthologie (griechisch: Blütenlese),

eine Sammlung von Aussprüchen und Auszügen aus alten Schriftstellern, Philosophen und Dichtern.

 

Cento (lateinisch: zusammengeflickte Decke, Lumpenrock),

ein gänzlich aus Zitaten montierter Text, der seine Quelle umdeutet.

 

Rabbinismus (von hebräisch rabbi: Meister),

jüdische Lehrüberlieferung, die im 1. Jht. entstand und das Leben der Gemeinde noch heute bestimmt.

 

Aszetik (griechisch askesis: Übung),

die Lehre vom Streben zur christlichen Vollkommenheit. Durch Aszese (Gebet, Gewissenserforschung, geistliche Lesung, Seelenführung, Fasten, Bußwerke) bemüht sich der Christ, alle Kräfte seines Lebens auf Gott hinzuordnen.

 

Mystik (griechisch myein: einweihen; lateinisch mysticus: geheimnisvoll, dunkel),

ist die persönliche Gotteserfahrung. Fast jeder Mensch hat seine Art der Gotterfahrung und damit Spuren einer Mystik. Allgemein bezeichnet man mit Mystik aber eher die Gottesbegegnung von außergewöhnlichem Format (Verzückung, Extase, Entrückung u.ä.).

 

Rezeption (lateinisch receptio: Auf-, An-, Übernahme), 

allgemein die Wahrnehmung und Wirkungsgeschichte von literarischen Werken, Stilen und Epochen.

 

monastisch (griechisch-lateinisch monachos: allein Lebender),

zum Mönchtum gehörend.

 

Perikope (griechisch peri-kopto: herausgeschnitten),

ein Abschnitt der Hl. Schrift, der im Gottesdienst als Lesung oder Evangelium verkündet wird.

 

Antisemitismus (griechisch: Judengegnerschaft),

im 19. Jahrhundert entstandene profane Ideologie, die der Rechtfertigung des Hasses oder der Feindseligkeit gegen Juden dient. Er setzt die Judenverfolgungen der Geschichte unter neuen Vorzeichen fort. Er richtet sich anders als der hauptsächlich religiös gerechtfertigte Judenhass gegen alle Menschen jüdischer Herkunft, unabhängig davon, ob diese gemäß der jüdischen Religion leben oder nicht.

 

Millenaristisch

millenaristische (chiliastische) Bewegungen haben eine Heilserwartung, die sich auf die dem Christentum entlehnte Lehre von einem glücklichen, tausendjährigen Reich Christi stützt, das nach dessen Wiederkunft auf Erden vor dem Ende der Welt und aller Zeiten entstehen werde. Diese Lehre wird Millenarismus (lateinisch mille: tausend) oder Chiliasmus genannt.

A. Der kanonische Zugang ("Kanonkritik")

Der "kanonische" Zugang entstand in den siebziger Jahren des 20. Jhts. in den USA. Nachdem man feststellte, dass die Ergebnisse der historisch-kritischen Methode häufig nicht unmittelbar theologisch aussagekräftig waren, sollte mit dem "kanonischen" Zugang eine theologische Interpretationsmethode angewendet werden, die sich ausdrücklich im Rahmen des Glaubens bewegt: sie stützt sich auf die Bibel als Ganzes.

Jeder biblische Text wird dem gemäß im Lichte des Kanons der Heiligen Schrift interpretiert, d.h. im Licht der Bibel als Weisung für den Glauben einer Gemeinschaft von Gläubigen. Die Methode sucht jeden Text innerhalb des einzigen Planes Gottes einzuordnen, um eine Aktualisierung der Heiligen Schrift für unsere Zeit anzustreben. Dadurch soll die historisch-kritische Methode nicht ersetzt, aber ergänzt werden.

Es wurden zwei verschiedene Gesichtspunkte vorgeschlagen:

1. Brevard S. Childs konzentriert sein Interesse auf die kanonische Endform des Textes (Buch oder Sammlung von Büchern), also die Form, welche von der Gemeinschaft als Autorität akzeptiert wird und die ihren Glauben ausdrückt sowie ihr Leben lenkt.

2. James A. Sanders seinerseits schenkt seine Aufmerksamkeit mehr dem "kanonischen Vorgang", also der progressiven Entwicklung der von der Glaubensgemeinschaft als maßgebend anerkannten Schriften. Die kritische Erforschung dieses Prozesses versucht herauszufinden, auf welche Weise alte Traditionen in einem neuen Kontext wieder aufgegriffen wurden, bevor sie ein Ganzes bildeten, das dauerhaft und anpassungsfähig zugleich ist, kohärent und verschiedenartige Elemente umfassend, ein Ganzes, aus dem die Glaubensgemeinschaft ihre Identität schöpfen kann. Bei diesem Vorgang wurden hermeneutische Methoden angewendet, die es sich zur Aufgabe machten, die Tradition zu aktualisieren, um so eine fortwährende Interaktion zwischen der Gemeinschaft und ihren heiligen Schriften zu ermöglichen.

- Einordnung der Methode

Der kanonische Zugang reagiert zu Recht gegen eine Überbewertung dessen, was als originell und ursprünglich angesehen wird, als ob dies allein authentisch wäre. Die inspirierte Schrift ist in Wirklichkeit jene ganze Heilige Schrift, die von der Kirche als ihre Glaubensregel anerkannt wurde. In dieser Hinsicht kann man das Gewicht entweder auf die Endgestalt legen, in der sich heute jedes Buch der Bibel befindet, oder auf die Gesamtheit, die den Kanon bildet. Ein Buch wird nur im Lichte des ganzen Kanons zum "biblischen Buch".

Die Glaubensgemeinschaft ist unzweifelhaft der angemessene Kontext für die Interpretation der kanonischen Texte. In ihr bereichern der Glaube und der Heilige Geist die Exegese. Die kirchliche Autorität, die im Dienste der Gemeinschaft steht, muss darüber wachen, dass die Interpretation der großen Tradition, aus der die Texte hervorgingen, treu bleibt (vgl. Dei Verbum, 10).

Der kanonische Zugang wirft jedoch verschiedene Probleme auf, besonders wenn er versucht, den "kanonischen Vorgang" zu definieren. Von wann an kann man einen Text als "kanonisch" betrachten? Es lässt sich die Position vertreten, dies sei von dem Zeitpunkt an der Fall, an dem eine Gemeinschaft dem Text normative Autorität zuerkennt; dies kann sogar vor der definitiven Festlegung dieses Textes geschehen. Von einer "kanonischen" Hermeneutik spricht man, wenn die Wiederholung der Traditionen, trotz neuer religiöser, kultureller, theologischer Bedingungen und veränderter Situationen, die Identität der Botschaft aufrechterhält. Doch stellt sich die Frage: Soll der Interpretationsprozess, der zur Bildung des Kanons geführt hat, auch heute noch als Interpretationsregel für die Heilige Schrift gelten?

Andererseits verursachen die komplexen Beziehungen zwischen dem jüdischen und dem christlichen Kanon der heiligen Schriften zahlreiche Interpretationsprobleme. Die christliche Kirche hat als "Altes Testament" die Schriften übernommen, die in der jüdisch-hellenistischen Gemeinschaft maßgebend waren; darunter finden sich solche, die nicht oder in anderer Form in der Hebräischen Bibel enthalten sind. Das Gefüge der Texte ist somit verschieden. Aus diesem Grund kann die kanonische Interpretation beider "Schriften" nicht identisch sein, da ja jeder Text in seiner Beziehung zum ganzen Corpus gelesen werden muss. Vor allem aber liest die Kirche das Alte Testament im Lichte des österlichen Geschehens - Tod und Auferstehung Jesu Christi. Diese neue Sinnbestimmung gehört voll und ganz zum christlichen Glaubensgut. Trotzdem darf sie deshalb der älteren, kanonischen Interpretation, die dem christlichen Osterglauben vorausging, nicht ihre Bedeutung absprechen. Denn jede Phase der Heilsgeschichte muss auch in ihrem Eigenwert geachtet werden.

B. Zugänge über die jüdische Interpretations-Tradition

Das Alte Testament erhielt seine Endgestalt im Judentum der letzten vier oder fünf Jahrhunderte, die der christlichen Zeitrechnung vorausgingen. Dieses Judentum war auch das Ursprungsmilieu des Neuen Testamentes und der entstehenden Kirche. Zahlreiche Studien der alten jüdischen Geschichte und namentlich die Forschungen aufgrund der Entdeckungen von Qumran, haben die Komplexität der jüdischen Welt dieser Zeit, sei es im Land Israel oder in der Diaspora, aufgezeigt.

Die Interpretation der Heiligen Schrift begann in diesem Milieu. Eines der ältesten Zeugnisse der jüdischen Interpretation der Bibel ist die antike griechische Übersetzung, die Septuaginta. Die aramäischen Targumim stellen ein anderes Zeugnis des gleichen Bemühens dar, das sich bis heute fortsetzt. Darin zeigt sich, dass die Auslegung als Dialog des Auslegers mit dem Text vor sich geht. An Doppelungen, Leerstellen, besonderen Wendungen beginnt entsprechend bestimmter Regeln die Erforschung des Textes, nicht so sehr als Analyse, sondern als Aufgreifen der Erzählfäden. Kriterium bleibt immer der Wortsinn.

Die jüdische Diskussion um das Verständnis der Schrift wird nicht kontrovers, sondern kommunikativ geführt: Keine Verständnisweise wird als "überholt" beiseite gelegt, sondern sie bleibt im Gespräch. So sammelt sich in der Auslegungsgeschichte eine Fülle an Zugängen und Sichtweisen, die ein einseitiges Verständnis verhindern. Die jüdische Auslegung geht davon aus, dass die Offenbarung mit der Kanonisierung der Überlieferung nicht abgeschlossen ist, sondern im Gespräch derer weitergeht, die sich um die Wahrheit bemühen (mündliche Offenbarung).

Targumim und Midraschim repräsentieren die Homiletik und die biblische Interpretation breiter Kreise des Judentums der ersten Jahrhunderte. Im besonderen erlauben uns die alten jüdischen Traditionen, die Septuaginta besser kennen zu lernen - eine jüdische Bibel in griechischer Sprache, die den ersten Teil der christlichen Bibel zumindest während der ersten vier Jahrhunderte der Kirche bildete. Darüber hinaus ist die reiche und mannigfaltige jüdische, außerkanonische Literatur, die man apokryph oder zwischentestamentlich nennt, eine wichtige Quelle für die Interpretation des Neuen Testaments.

Die exegetischen Vorgehensweisen, die im Judentum der verschiedenen Richtungen praktiziert wurden, lassen sich übrigens auch in der Bibel aufzeigen: z.B. in den Chronikbüchern in ihrem Verhältnis zu den Königsbüchern oder im Neuen Testament, in gewissen exegetischen Beweisführungen bei Paulus. Die Vielfalt der Formen (Parabel, Allegorie, Anthologie, Cento, Verbindung von weit auseinanderliegenden Texten, Psalm und Hymnus, Vision, Offenbarung und Traum, weisheitliche Komposition usw.) ist dem Alten und Neuen Testament gemeinsam, so wie auch der Literatur aller jüdischen Kreise vor und nach der Zeit Jesu.

Zahlreiche Exegeten des Alten Testaments wenden sich außerdem an jüdische Kommentatoren, Grammatiker und Lexikographen des Mittelalters oder der neueren Zeit, um zum besseren Verständnis unklarer Abschnitte oder seltener vorkommender Wörter zu gelangen. Weit mehr als früher bezieht man sich heute in der exegetischen Diskussion auf solche jüdische Werke.

- Einordnung der Methode

Der Reichtum des jüdischen Wissens von der Antike bis heute im Dienst der Bibel ist eine Hilfe ersten Rangs für die Exegese der beiden Testamente, jedoch unter der Bedingung, dass dieses Wissen sachgerecht eingesetzt wird. Das alte Judentum war sehr mannigfaltig. Die pharisäische Form, die später im Rabbinismus weiterlebte, ist nicht die einzige Form. Die alten jüdischen Texte verteilen sich auf mehrere Jahrhunderte, und es ist wichtig, sie chronologisch einzuordnen, bevor man sie miteinander vergleicht. Vor allem ist der Gesamtrahmen der jüdischen und der christlichen Gemeinschaft grundlegend verschieden: auf jüdischer Seite geht es, wenn auch in mannigfaltigen Formen, um eine Religion, die ein Volk und eine Lebenspraxis auf der Basis einer geoffenbarten Schrift und einer mündlichen Tradition bestimmt, während auf christlicher Seite der Glaube an den gestorbenen, auferstandenen und nun lebendigen Herrn Jesus, den Messias und Sohn Gottes, Fundament der Gemeinschaft ist. Diese zwei Ausgangspunkte schaffen für die Interpretation der heiligen Schriften zwei Kontexte, die trotz vieler Kontakte und Ähnlichkeiten radikal verschieden sind.

C. Der Zugang über die Wirkungsgeschichte des Textes

Dieser Zugang beruht auf zwei Grundtatsachen:

1. Ein Text wird nur dann zum literarischen Werk, wenn er Leser findet, die ihn lebendig werden lassen, indem sie ihn sich zu eigen machen.

2. Diese Aneignung des Textes, die individuell oder gesellschaftlich und in verschiedenen Bereichen (Literatur, Kunst, Theologie, Aszetik und Mystik) stattfinden kann, trägt zum besseren Verständnis des Textes selbst bei.

Dieser Zugang zum Text entfaltete sich hauptsächlich zwischen 1960 und 1970 in den Literaturwissenschaften, obwohl man ihn auch schon in der Antike kannte. Die Literaturkritik begann sich intensiv für die Beziehung zwischen Text und Leserschaft zu interessieren. Die biblische Exegese profitierte von dieser Forschung, dies um so mehr, als die philosophische Hermeneutik ihrerseits die notwendige Distanz zwischen Werk und Autor, wie zwischen Werk und Lesern betonte. Deshalb begann man, in der Interpretationsarbeit die Geschichte der Wirkung eines Buches oder eines Abschnittes der Heiligen Schrift zu beachten (Wirkungsgeschichte oder Rezeptionsgeschichte). Man bemüht sich, den Entwicklungsverlauf der Interpretation im Hinblick auf die sich wandelnden Situationen der Leser zu verfolgen und die Bedeutung der Tradition sowie deren Funktion für das Verständnis der biblischen Texte zu bestimmen.

In der Begegnung des Textes mit den Lesern entsteht eine Dynamik; denn der Text besitzt eine Ausstrahlung und löst Reaktionen aus. Er lässt einen Ruf erklingen, der von den Lesern, sei es einzeln oder gemeinsam, gehört wird. Leser und Leserin sind übrigens nie isolierte Individuen. Sie gehören zu einem sozialen Raum und befinden sich innerhalb einer Tradition. Sie gehen den Text mit ihren Fragen an, wählen aus, schlagen eine Auslegung vor und können schließlich ein neues Werk schaffen oder Initiativen ergreifen, die ihnen direkt von ihrer Lesung der Heiligen Schrift eingegeben werden.

Beispiele für diesen Zugang sind bereits zahlreich. Die Geschichte der Auslegung des "Hohenliedes" ist dafür ein besonders deutliches Zeugnis. Sie zeigt, wie dieses Buch in der Zeit der Kirchenväter, im lateinisch monastischen Milieu des Mittelalters oder in der Mystik, wie beim hl. Johannes vom Kreuz, aufgenommen wurde. Sie erlaubt daher, alle Sinndimensionen dieser Dichtung besser zu erfassen. Auf gleiche Weise ist es im Neuen Testament möglich und nützlich, den Sinn einer Perikope (z.B. der reiche junge Mann in Mt 19,16-26 par.) im Lichte der im Lauf der Kirchengeschichte durch sie ausgelösten Impulse zu interpretieren.

- Einordnung der Methode

Die Geschichte zeigt allerdings auch die Existenz von falschen und einseitigen Tendenzen der Interpretation, die unheilvolle Auswirkungen hatten, z.B. wenn sie zum Antisemitismus oder zu anderen Rassendiskriminierungen oder etwa zu millenaristischen Illusionen führten. Daraus wird ersichtlich, dass dieser Zugang allein für die Interpretation nicht genügen kann; eine Differenzierung ist notwendig. Man muss sich davor hüten, den einen oder andern Zeitpunkt der Wirkungsgeschichte eines Textes zu privilegieren, um ihn zur einzigen Interpretations-Regel dieses Textes zu erheben.

 

 

Um sich mitzuteilen, hat das Wort Gottes im konkreten Leben eines Volkes Wurzeln gefasst (vgl. Sir 24,12). Es bahnte sich einen Weg durch die Bedingungen der biblischen Verfasser hindurch. Deshalb können die Humanwissenschaften - besonders die Soziologie, Anthropologie und Psychologie - zu einem besseren Verständnis gewisser Aspekte der Texte vieles beitragen. Es muss jedoch beachtet werden, dass es verschiedene Schulen mit beträchtlichen Abweichungen bezüglich der Natur dieser Wissenschaften gibt. Trotzdem haben tatsächlich zahlreiche Exegeten aus den neuesten Forschungen auf diesen Gebieten Gewinn gezogen.

IV. Zugänge über die Humanwissenschaften

Erklärung der im Text unterlegten Fach-Begriffe

monarchisch, Monarchie (griechisch monarchos: Alleinherrscher)

die Staatsform der Alleinherrschaft eines Monarchen (König, Fürst). Hierbei hat sich das System der Erbfolge in einer Familie gegenüber der Bestimmung durch Wahl durchgesetzt.

 

Zentralisation, Zentralismus,

das in der Verwaltung, aber auch in Politik und Wirtschaft vorhandene Bestreben, die Entscheidungsbefugnisse in einer Hand zu konzentrieren. Im Staatsrecht bedeutet Zentralisierung vielfach auch das Streben nach Beseitigung der kommunalen oder sonstigen Selbstverwaltung zugunsten der rein staatlichen Verwaltung.

 

Charismatische Bewegung (griechisch charisma: Gnadengabe),

internationale, überkonfessionelle christliche Erneuerungsbewegung, die auch als Neue Pfingstbewegung bezeichnet wird. Eine besondere Rolle in der charismatischen Bewegung spielt das Handauflegen, wodurch der Gläubige vom Heiligen Geist „erfüllt" oder „getauft" wird. Die Zeichen dieser Taufe können Zungenreden, die Gabe der Prophezeiung oder Heilung sein sowie die Fähigkeit, Sprachen auszulegen oder Geister zu sehen.

 

Sensibilität

die Empfänglichkeit und Empfindlichkeit gegenüber Reizen. Zu unterscheiden ist zwischen einer physiologischen und einer psychologischen Begriffsdimension.

 

Ethnologie (griechisch ethnos: Schar, Volk, Stamm) 

Lehre von den Kulturen der Welt. Die deutsche Ethnologie oder Völkerkunde beschäftigt sich traditionell mit schriftlosen außereuropäischen Gesellschaften. Mit europäischer Ethnologie ist das Fach Volkskunde befasst.

 

Binom,

mathmatischer Ausdruck, der aus zwei Zahlsymbolen besteht, die durch + oder - getrennt sind, wie z. B. x + y oder ab - cd.

 

Initiationsritual,

In vielen Völkern wird der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt (Initiation) durch ein Ritual (traditionell bestimmte, expressive Handlung) gefeiert, z. B. Geburt, Beschneidung, erste Jagd, Hochzeit, Geburt eines Kindes, Übernahme einer neuen (höheren) Funktion usw.

 

Typologie,

der Versuch menschliche Ausprägungsformen in Typen einzuteilen. Der Typus repräsentiert eine Gruppe von Menschen, die bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gemeinsam haben.

 

psychologisch, Psychologie, (griechisch psyche: Seele, Atem, Leben)

die Wissenschaft vom seelischen Erleben und Verhalten des Menschen. Sie untersucht die Teile (Schichten), Funktionen und Vermögen der Seele.

 

psychoanalytisch, Psychoanalyse,

als psychologische Theorie die Lehre Sigmund Freuds von der Dynamik des unbewussten Seelenlebens und von ihrer Auswirkung auf die gesamte Persönlichkeit sowie auf deren Umweltbewältigung. Bezeichnet auch die daraus entwickelte therapeutische Methode für bestimmte seelische Erkrankungen.

 

Unbewusstes,

seelische Inhalte, Vorgänge, Strebungen und Triebregungen, die nicht in das Bewusstsein eintreten oder zumindest nicht in ihrer Ursprungsform, sowie frühere Erlebnisinhalte, die dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich sind.

 

Tiefenpsychologie,

eine psychologische Richtung, die hinter den bewussten seelischen Erlebnissen die unbewussten, vorwiegend triebhaften und emotionalen Vorgänge untersucht und in der Therapie beeinflusst.

 

Psyche,

(griechisch) Seele, Lebensprinzip

 

metaphorisch, Metapher (griechisch metapherein: übertragen),

eine bildhafte Redeweise, bei der ein Wort nicht in dem eigentlichen, sondern in einem übertragenen Sinn verwendet wird (z.B. Haupt der Familie).

 

Audition (lateinisch audire: hören),

eine übernatürliche Hörerfahrung.

 

numinos (lateinisch numen: Wille oder Abglanz Gottes),

auf das Göttliche bezogen, schauervoll und anziehend zugleich.

A. Der soziologischer Zugang

Religiöse Texte stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zu den Gesellschaften, in denen sie entstehen. Diese Feststellung gilt zweifellos auch für die biblischen Texte. Folglich benötigt die kritische Erforschung der Bibel eine möglichst genaue Kenntnis des für die verschiedenen Milieus charakteristischen sozialen Verhaltens, in denen die biblischen Traditionen entstanden sind. Diese sozio-historische Information muss durch eine korrekte soziologische Erklärung ergänzt werden, die im Einzelfall die Bedeutung der sozialen Existenzbedingungen wissenschaftlich auswertet.

Die soziologische Betrachtungsweise hat schon seit langem Einzug in die Geschichte der Exegese gehalten. Davon zeugt die Aufmerksamkeit, die die Formgeschichte dem Entstehungsmilieu ("Sitz im Leben") der Texte geschenkt hat: allgemein wird anerkannt, dass die biblischen Traditionen die Charakteristiken ihrer sozialgeschichtlichen Überlieferungsmilieus widerspiegeln. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erforschte die "Chicago-Schule" die sozio-historische Situation der Urchristenheit und gab dadurch der historischen Kritik einen starken Impuls. Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gehört der soziologische Zugang zu den biblischen Texten voll und ganz zur exegetischen Forschung.

Zahlreich sind die Fragen, die sich von daher für die Exegese des Alten Testaments stellen. So muss man sich zum Beispiel fragen, welche verschiedenen sozialen und religiösen Organisationsformen Israel im Verlaufe seiner Geschichte kannte. Wie gelangte man von einem losen Sippenverband zu einem monarchisch organisierten Staat und von da zu einem Gemeinwesen, das seine Einheit allein aus Religion und Abstammung erhält? Welche wirtschaftlichen, militärischen und sonstigen Veränderungen wurden in der Struktur der Gesellschaft durch die Bewegung der politischen und religiösen Zentralisation bewirkt, die zur Monarchie führte?

Für die Exegese des Neuen Testamentes stellen sich natürlich andere Fragen. Man muss sich zum Beispiel fragen: Welcher Wert ist der Theorie einer Charismatikergruppe beizumessen, die ohne festen Wohnsitz, ohne Familie und ohne Habe umhergezogen ist, um die vorösterliche Lebensform Jesu und seiner Jünger zu erklären? Was wissen wir von der sozialen Struktur der paulinischen Gemeinden im Rahmen der von Fall zu Fall in Frage kommenden entsprechenden städtischen Kultur?

- Einordnung der Methode

Im allgemeinen hat der soziologische Zugang für die exegetische Arbeit viele positive Aspekte; insbesondere wird sie dadurch offener. Für die historische Kritik ist es unerlässlich, die soziologischen Gegebenheiten zu kennen. Diese tragen dazu bei, die wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Situation der biblischen Welt verständlich zu machen. Die dem Exegeten gestellte Aufgabe, das Glaubenszeugnis der apostolischen Kirche in angemessener Weise zu erfassen, kann ohne die exakte wissenschaftliche Erforschung der engen Zusammenhänge der neutestamentlichen Texte mit dem sozialen Kontext der Urkirche nicht erfüllt werden.

Wir müssen indes auch auf einige Risiken hinweisen, die der soziologische Zugang für die Exegese mit sich bringt. Die Arbeit der Soziologie besteht darin, lebende Gesellschaften zu erforschen. So wäre es in der Tat nicht erstaunlich, dass Schwierigkeiten auftauchen, wenn man diese Methoden auf längst vergangene soziale Verhältnisse anwenden will. Die biblischen und außerbiblischen Texte stellen nicht ohne weiteres eine genügend große Dokumentation dar, um eine Gesamtübersicht der damaligen Gesellschaft zu bieten. Die soziologische Methode hat außerdem gelegentlich die Tendenz, den wirtschaftlichen und institutionellen Aspekten der menschlichen Existenz ein größeres Gewicht zuzuerkennen als ihren persönlichen und religiösen Dimensionen.

B. Der Zugang über die Kulturanthropologie

Der Zugang zu den biblischen Texten, der sich auf die Forschungen der Kulturanthropologie stützt, steht in enger Beziehung mit dem soziologischen Zugang. Der Unterschied zwischen diesen beiden Zugängen liegt gleichzeitig auf der Ebene der Sensibilität, der Methode und der Realitätsaspekte, die hier die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Während der soziologische Zugang vor allem die wirtschaftlichen und institutionellen Aspekte analysiert, interessiert sich der anthropologische Zugang an einer Vielzahl anderer Aspekte, die sich in Sprache, Kunst, Religion widerspiegeln, aber auch in Kleidung, Schmuck, Festen, Tänzen, Mythen, Legenden und allem, was zur Ethnologie gehört.

Im allgemeinen versucht die Kulturanthropologie die Charakteristiken der verschiedenen Menschentypen in ihrem sozialen Umfeld zu definieren z.B. des Menschen des Mittelmeerraums - mit allen Untersuchungen ihres ländlichen oder städtischen Milieus, der von der Gesellschaft anerkannten Werte (Ehre und Unehre, Verschwiegenheit, Treue, Tradition, Art der Erziehung, Schulen), der Art und Weise, wie die soziale Kontrolle ausgeübt wird, der Vorstellungen über Familie, Haus, Verwandtschaft, Stellung der Frau, der institutionellen Binome wie Patron - Klient, Eigentümer - Mieter, Wohltäter - Empfänger, freier Mensch - Sklave, ferner der Begriffe heilig und profan, der Tabus, der Initiationsrituale, der Magie, des Ursprungs der natürlichen Produktionsmittel, der Gewalt, der Information usw. Auf der Basis dieser verschiedenen Elemente werden Typologien und "Modelle" erstellt, die in mehreren Kulturen vorkommen.

- Einordnung der Methode

Diese Forschungsrichtung kann natürlich für die Interpretation der biblischen Texte nützlich sein. Sie wird hauptsächlich für die Erforschung der Verwandtschaftsbegriffe im Alten Testament gebraucht, für die Stellung der Frau in der israelitischen Gesellschaft, für den Einfluss von Agrarriten usw. In Texten, die die Lehre Jesu wiedergeben, z.B. den Gleichnissen, können viele Einzelzüge durch diese Methode erhellt werden. Das Gleiche gilt für solche Grundbegriffe wie "Reich Gottes" oder für die Art, die Zeit in der Heilsgeschichte zu verstehen, sowie für die Prozesse der Gemeindebildung in der Urkirche. Dieser Zugang erlaubt eine bessere Unterscheidung zwischen bleibenden Elementen der biblischen Botschaft, die in der menschlichen Natur begründet sind, und Prägungen, die von besonderen Kulturen herrühren. Allerdings ist dieser Zugang ebenso wie andere besondere Zugänge allein nicht in der Lage, den spezifischen Beitrag der Offenbarung zu erfassen. Dies darf man bei der Beurteilung der Bedeutung seiner Ergebnisse nicht aus dem Auge verlieren.

C. Psychologische und psychoanalytische Zugänge

Die moderne Ausweitung der psychologischen Forschung auf die dynamischen Strukturen des Unbewussten (Tiefenpsychologie) hat zu neuen Interpretationsversuchen alter Texte geführt, so auch der Bibel. Die Methoden basieren auf der Annahme, dass Texte nicht nur äußere Ereignisse wiedergeben (Objektstufe), sondern dass sie auch Vorgänge innerhalb der Psyche spiegeln (Subjektstufe). Dank der psychologischen und psychoanalytischen Forschung können Bibeltexte als Lebenserfahrungen und Verhaltensmuster verstanden werden. Dem Erscheinen ganzer Werke psychoanalytischer Deutungen von biblischen Texten folgte jedoch eine lebhafte Diskussion: wie weit und unter welchen Bedingungen können psychologische und psychoanalytische Forschungen zu einem tieferen Verständnis der Heiligen Schrift beitragen?

Die Psychologie und in ihrer Weise auch die Psychoanalyse haben im besonderen ein neues Symbolverständnis gebracht. Die symbolische Sprache erlaubt es, Sphären der religiösen Erfahrung auszudrücken, die dem rein begrifflichen Denken nicht zugänglich, für die Frage nach der Wahrheit aber wertvoll sind. Interdisziplinäre Forschung, die von Exegeten und Psychologen oder Psychoanalytikern gemeinsam durchgeführt wird, bringt deshalb echte Vorteile mit sich, die objektiv begründet sind und sich in der Pastoral bewähren.

Zahlreiche Beispiele können aufgeführt werden, die die Notwendigkeit gemeinsamer Bemühung der Exegeten und Psychologen zeigen, so z.B. wenn es darum geht, den Sinn der kultischen Riten, der Opfer, der Tabus zu erhellen, die bildliche Sprache der Bibel zu entschlüsseln, die metaphorische Tragweite der Wundererzählungen, die Triebkräfte des in den apokalyptischen Visionen und Auditionen sich abspielenden Dramas zu bestimmen. Es geht nicht einfach darum, die symbolische Sprache der Bibel zu beschreiben, sondern auf ihren Offenbarungs- und Aufruf-Charakter einzugehen: in ihr tritt die numinose Realität Gottes in Kontakt mit dem Menschen.

- Einordnung der Methode

Der Dialog zwischen Exegese und Psychologie oder Psychoanalyse muss im Hinblick auf ein besseres Verständnis der Bibel kritisch sein, und die jeder Disziplin eigenen Grenzen müssen beachten werden. Eine Psychologie oder Psychoanalyse, die von vornherein Gott ablehnt, wird sich natürlich schwer tun, Glaubenswirklichkeiten adäquat zu verstehen.

Außerdem muss beachtet werden, dass man nicht einfach von "der psychoanalytischen Exegese" sprechen kann, denn es gibt je nach Schule und Richtung der Psychologie eine große Anzahl von Erkenntnissen, die dazu dienen können, das menschliche und theologische Verständnis der Bibel zu vertiefen.

 

Die Auslegung eines Textes hängt immer von der Mentalität und der Situation seiner Leser ab. Diese wenden gewissen Aspekten besondere Aufmerksamkeit zu und vernachlässigen unbewusst andere. Es ist deshalb unvermeidlich, dass die Exegeten in ihrer Arbeit unter dem Einfluss aktueller Denkströmungen neue Gesichtspunkte entdecken, die vorher nicht genügend wahrgenommen wurden. Dies verlangt jedoch kritisches Unterscheidungsvermögen. Heute sind es besonders die Befreiungsbewegungen und der Feminismus, die auf die größte Beachtung stoßen.

V. Kontextuelle Zugänge

Erklärung der im Text unterlegten Fach-Begriffe

aggiornamento (italienisch: Modernisierung),

 Leitmotiv des 2. Vatikanischen Konzils, von Papst Johannes XXIII. geprägt. Es geht um ein neues radikales Eintauchen in den überlieferten Glauben mit dem Ziel, das christliche Leben und das Leben der Kirche zu erneuern im Geist der Freundschaft mit dem Menschen.

 

CELAM,

Abkürzung für den Lateinamerikanischen Bischofsrat.

 

authentisch,

(griechisch) vom Verfasser stammend, beglaubigt; echt, verbürgt.

 

Eschatologie (griechisch eschata: letzte Dinge),

Glaubensvorstellungen, die sowohl das Leben nach dem Tod des einzelnen als auch das Ende der Welt betreffen.

 

transzendent, Transzendenz (lateinisch: Überschreiten),

bezeichnet die Tatsache, dass der Mensch von jeher in seinem Denken diese Welt überschreitet, transzendiert. Er denkt über das Lebensnotwendige hinaus an das Überweltliche, an Gott.

 

Gesellschaftsanalyse,

Seit Ende des 2. Weltkrieges wird in der Soziologie immer öfter versucht, die rasante Veränderung der Industriegesellschaften, u.a. durch die schnelle Entwicklung in den Kommunikations- technologien, in beschreibend positivistischen Gesellschaftsanalysen zu erfassen. Technische Neuerungen und politische Umwälzungen haben danach das Leben in vielen gesellschaftlichen Bereichen wie auch zwischen den einzelnen Menschen zum Teil erheblich verändert.

 

materialistisch, Materialismus (lateinisch materia: Stoff, Material),

eine Weltanschauung, die nur die Materie als wirklich anerkennt. Es existiert demnach nur, was man greifen, wahrnehmen und berechnen kann. Vor allem unter Karl Marx fand der Materialismus starke Verbreitung.

 

Klassenkampf

Bezeichnung für den offenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Klassen aufgrund fundamentaler Interessengegensätze sowie die Austragung dieses Konfliktes. Karl Marx definierte alle bisherige Geschichte, mit Ausnahme der Urgeschichte, als eine Geschichte von Klassenkämpfen.

 

feministisch, Feminismus

Bezeichnung für die Theorie der Frauenbewegung und für die gegen die gesellschaftliche Dominanz der Männer gerichtete Bewegung für die Gleichberechtigung der Frauen.

 

Patriarchalismus,

Staats-, Gesellschaft- und Wirtschaftsordnung in der Staatsoberhaupt, Grundherr oder Unternehmer verstanden wird als eine Art Familienoberhaupt über Untertanen, Gesinde oder Arbeitnehmer. Er besitzt umfassende Herrschaftsrechte, aber auch viele Fürsorgepflichten.

 

Androzentrismus,

ist die Wahrnehmung allen Lebens vom männlichen Standpunkt aus, mit der daraus folgenden Unfähigkeit, die Tätigkeiten und das Leben von Frauen richtig wahrzunehmen oder zu beschreiben. Danach ist der Normalfall männlich, weiblich ist Zusatzeigenschaft, Ausnahme. Die Gleichsetzung von Mensch und Mann geschieht weitgehend unterbewusst, deshalb ist der Androzentrismus weit weniger leicht als der offene Sexismus zu erkennen. Diese Sichtweise ist vielfach auch von Frauen selbst verinnerlicht.

 

Emanzipation (lateinisch: Befreiung),

die rechtliche und faktische Befreiung einer Klasse oder Gruppe aus einer sozialen Abhängigkeit, z.B. der Sklaven, der Farbigen, der Frauen. Eine auf Selbstbestimmung gerichtete Bestrebung.

A. Der Zugang über die Befreiungstheologie

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts formierte sich die Befreiungstheologie  als theologische Bewegung. Zusammen mit den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gegebenheiten der lateinamerikanischen Länder waren es zwei große kirchliche Ereignisse, die sie hervorbrachten: a) das 2. Vatikanische Konzil mit seinem ausgesprochenen Willen zum aggiornamento und zur Ausrichtung der kirchlichen Seelsorge auf die Bedürfnisse der heutigen Welt; b) die 2. Vollversammlung des CELAM 1968 in Medellin, die die Lehre des Konzils den Bedürfnissen Lateinamerikas anpasste. Diese Bewegung hat sich später in anderen Ländern und Erdteilen verbreitet (Afrika, Asien, farbige Bevölkerung der USA).

Es ist schwierig zu sagen, ob es "eine" Befreiungstheologie gibt, doch geht es bei ihrem Umgang mit der Bibel nicht um eine besondere Methode. Vielmehr liest sie die Heilige Schrift von eigenen sozio-kulturellen und politischen Standpunkten aus und bezieht sie auf die konkreten Bedürfnisse des Volkes.

Wenn das Volk in Unterdrückung lebt, muss es in der Bibel Nahrung finden können, die es in seinem Ringen und in seinen Hoffnungen unterstützt. Die konkrete Realität darf nicht ignoriert werden, im Gegenteil, sie muss direkt angegangen und durch das Licht des Wortes der Heiligen Schrift erhellt werden. Hieraus entsteht die authentische christliche Praxis, die durch Gerechtigkeit und Liebe auf eine Wandlung der Gesellschaft hinzielt.

Dieser Zugang basiert auf folgenden Grundeinsichten:

1. Gott ist in der Geschichte seines Volkes gegenwärtig, um es zu erlösen. Er ist der Gott der Armen, der weder Unterdrückung noch Ungerechtigkeit duldet.

2. Die Exegese kann unter dieser Rücksicht nicht neutral bleiben, sondern muss wie Gott für die Armen Partei ergreifen und sich im Kampf für die Befreiung der Unterdrückten engagieren.

3. Wer an diesem Kampf teilnimmt, findet in den biblischen Texten einen Sinngehalt, der nur offenbar wird, wenn sie im Kontext wirklicher Solidarität mit den Unterdrückten gelesen werden.

Die Gemeinschaft der Armen ist der beste Adressat der Bibel als Wort der Befreiung, denn die Befreiung der Unterdrückten ist ein gemeinschaftlicher Prozess. Die biblischen Texte sind ja überdies für Gemeinschaften geschrieben worden, und es sind Gemeinschaften, denen die Bibellesung in erster Linie anvertraut ist. Das Wort Gottes bleibt immer aktuell, denn den überlieferten "Gründungsereignissen" (Auszug aus Ägypten, Leidensgeschichte und Auferstehung Jesu) wohnt eine Kraft inne, die im Laufe der Geschichte zu immer neuen Aufbrüchen inspiriert.

- Einordnung der Methode

Die Befreiungstheologie enthält wertvolle Elemente: ein tiefer Sinn für die erlösende Gegenwart Gottes, Betonung der gemeinschaftlichen Dimension des Glaubens, Dringlichkeit einer befreienden Praxis, die in Gerechtigkeit und Liebe wurzelt, eine neue Aneignung der Bibel, die aus dem Wort Gottes Licht und Nahrung für das Volk Gottes inmitten seiner Kämpfe und seiner Hoffnungen schöpft. So ist die volle Aktualität des inspirierten Textes hervorgehoben.

Jedoch enthält ein solch engagierter Umgang mit der Bibel auch seine Risiken: Er stützt sich vor allem auf narrative und prophetische Texte, die Unterdrückungssituationen erhellen und eine Praxis inspirieren, die auf soziale Veränderung hin orientiert ist. Damit läuft die Befreiungstheologie Gefahr, bestimmte biblische Texte zu bevorzugen, andere aber zu vernachlässigen. Außerdem wurde unter dem Druck schwerwiegender sozialer Probleme der Akzent auf eine weitgehend irdische Eschatologie gelegt, was eventuell zulasten der transzendenten endzeitlichen Dimension der Heiligen Schrift geht. Die Exegese kann zwar nie ganz neutral sein, sie muss sich jedoch vor Einseitigkeit hüten.

Um die biblische Botschaft im sozio-politischen Kontext zum Tragen zu bringen, haben sich die Theologen und Exegeten der Instrumente der Gesellschaftsanalyse bedient. Gewisse Strömungen der Befreiungstheologie haben in dieser Perspektive eine Analyse vorgenommen, die von materialistischen Doktrinen inspiriert war. Dies wirft Fragen auf, namentlich, was das marxistische Prinzip des Klassenkampfs anlangt.

B. Der Zugang über die feministische Theologie

Die feministische Bibelhermeneutik entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA, im sozio-kulturellen Kontext des Kampfes für die Frauenrechte, mit dem Komitee der Bibelrevision. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, im Gefolge der Frauen-Emanzipation trat diese Strömung mit neuer Kraft in Erscheinung und hatte eine enorme Entwicklung, hauptsächlich in Nordamerika.

Zwar geht es den Anhängern der feministischen Auslegung um das gemeinsame Ziel der Befreiung der Frau und der Erlangung gleicher Rechte wie die des Mannes, doch sind im Umgang mit der Heiligen Schrift verschiedene Hermeneutiken zu unterscheiden. Wir wollen hier drei Hauptformen erwähnen:

1. Die radikale Form weist die Autorität der Bibel ganz zurück, weil sie ein Produkt von Männern wäre, mit dem Zweck, die Herrschaft des Mannes über die Frau zu sichern.

2. Die neu-orthodoxe Form nimmt die Bibel als prophetisches Buch und ist bereit, sich ihrer in dem Maß zu bedienen, als sie für die Schwachen, also auch für die Frauen Partei ergreift; diese Orientierung gilt ihr als "Kanon im Kanon", um all das ins Licht zu stellen, was der Befreiung der Frau und ihrer Rechte dient.

3. Die kritische Form benützt eine ausgefeilte Methodologie und versucht, Stellung und Rolle der christlichen Frau innerhalb der Jesus-Bewegung und in den paulinischen Gemeinden zu entdecken. Nach ihrer Auffassung hätte es in der Anfangszeit noch eine Gleichberechtigung der Geschlechter gegeben. Diese wäre jedoch dann in den heiligen Schriften des Neuen Testamentes und erst recht später verwischt worden, als der Patriarchalismus und der Androzentrismus immer mehr die Oberhand gewannen.

Die feministische Hermeneutik bedient sich der gängigen Methoden der Exegese, speziell der historisch-kritischen. Sie fügt aber zwei Forschungskriterien hinzu:

1. Das feministische Kriterium, ist der Frauen-Emanzipation entnommen und bewegt sich auf der Linie der allgemeineren Bewegung der Befreiungstheologie. Es benützt eine Hermeneutik des Verdachtes: da die Geschichte regelmäßig durch die Sieger geschrieben wird, kann man nur zur Wahrheit gelangen, wenn man sich nicht einfachhin auf die Texte verlässt, sondern in ihnen nach Hinweisen sucht, die andere Sachverhalte durchblicken lassen.

2. Ein Kriterium soziologischer Art. Es stützt sich auf die Erforschung der Gesellschaft der biblischen Epoche, ihrer sozialen Schichten und der Stellung der Frau.

Was die neutestamentlichen Texte anbelangt, so ist das Forschungsziel die geschichtliche Rekonstruktion von zwei verschiedenen Situationen der Frau im 1. Jahrhundert: a) die gewöhnliche in der jüdischen und griechisch-römischen Welt und b) die schöpferisch neue, die in der Bewegung Jesu und in den paulinischen Gemeinden aufgekommen war, wo alle, Männer und Frauen, eine "Gemeinschaft von Jüngern und Jüngerinnen Jesu" geformt hätten. Es geht darum, für die heutige Zeit die vergessene Geschichte der Rolle der Frau in der Urkirche wieder zu entdecken.

Was das Alte Testament betrifft, so haben sich verschiedene Studien um ein besseres Verständnis des Gottesbildes bemüht. Der Gott der Bibel ist nicht die Projektion einer patriarchalen Mentalität. Er ist Vater; er ist aber auch ein Gott der Zärtlichkeit und mütterlicher Liebe.

- Einordnung der Methode

Die positiven Beiträge der feministischen Exegese sind zahlreich. Seit ihrem Aufkommen nehmen die Frauen aktiver an der exegetischen Forschung teil. Es ist ihnen oft besser als den Männern gelungen, die Präsenz, die Bedeutung und die Rolle der Frau in der Bibel, in der Geschichte der christlichen Ursprünge und in der Kirche wahrzunehmen. Die moderne gesellschaftliche Aufwertung der Würde und der Rolle der Frau, lässt uns dem biblischen Text andere Fragen stellen, was zu neuen Entdeckungen führt. Dazu findet und korrigiert die frauliche Sensibilität gewisse Interpretationen, die tendenziös waren und darauf hinausliefen, die Herrschaft des Mannes über die Frau zu rechtfertigen.

In dem Maß aber, in dem sich die feministische Exegese einem einseitigen Programm verschreibt, setzt sie sich der Versuchung aus, die biblischen Texte in tendenziöser und damit in anfechtbarer Weise zu interpretieren.

 

(Literatur: H. Merklein u. E. Zenger (Hgg.) Die Interpretation der Bibel in der Kirche: Das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission... Reihe Stuttgarter Bibelstudien, Nr. 161. Stuttgart, Kath. Bibelwerk, 1995: 96-125. - - - KBW u. B. D. Leicht (Hgg.) Grundkurs Bibel Neues Testament: Werkbuch für die Bibelarbeit mit Erwachsenen, Bd. 1. Stuttgart, Kath. Bibelwerk, 2002: 2|L|6-1 bis 6-3.)

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