Die Methode des Bibliodramas besteht nicht darin, biblische Szenen vor einem Publikum aufzuführen - obwohl der Begriff das vielleicht nahe legt. Vielmehr geht es darum, dass die Teilnehmer durch Identifikation mit einer biblischen Rolle mit sich selbst und mit der aufdeckenden, heilenden und wegweisenden Dynamik des Wortes Gottes in Berührung kommen. Das Ziel ist also vielmehr ein inneres Erleben als eine äußere Darstellung.

 

  Inhalt

1. Die Notwendigkeit, die Bibel auszulegen

2. Entwicklungen in der Exegese und ihren Methoden

3. Die Subjektivität der Objektivität

4. Was ist die Bibel?

5. Was ist Bibliodrama?

6. Der Verlauf eines Bibliodramas

7. Meine Sicht von Bibliodrama

8. Verhältnisbestimmung zwischen Bibliodrama und Exegese

9. Bibliodrama und offizielle Kirchen-Dokumente

10. Stellungnahme zu Kritik am Bibliodrama

 

 

1. Die Notwendigkeit, die Bibel auszulegen
1. Die Notwendigkeit, die Bibel auszulegen

Gotteswort im Mantel des Menschenwortes

Wer biblischen Texten begegnet, wer selbst in der Bibel liest, der stößt häufig auf Schwierigkeiten, wenn es darum geht, das Gehörte oder Gelesene zu verstehen, vor allem aber, es auch im Hinblick auf das eigene Leben einzuordnen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. In den biblischen Texten spiegeln sich Lebensformen wider, die einer von der unseren sehr verschiedenen Kultur angehören und die dazu noch zeitlich sehr weit entfernt sind. Wir können dies als die kulturgeschichtliche Differenz bezeichnen.

  2. Die Bibel ist geprägt von Denkweisen und Darstellungsformen, die uns nicht geläufig sind: Die literarische Differenz.

  3. Die religiösen Vorstellungen der Bibel sind teilweise mit einem Weltbild verknüpft, das nicht mit dem unseren übereinstimmt: Die weltanschauliche Differenz.

Friedolin Stier schreibt dazu in seinen Tagebüchern: "Die Bibel ist kein Buch, das in unserer Sprache von unseren Alltagsdingen redet. Ferne Zeiten, fremde Völker, unverständliche Namen... Es ist, als kämen wir in ein fremdes Land, in dem wir uns nicht zu helfen wissen." (zit. n. Kohler-Spiegel)

Diese drei Differenzen machen es uns Westeuropäern des 21. Jhts. nicht eben leicht, in das Verständnis der Hl. Schrift einzudringen. Wir müssen einige Hürden nehmen, bevor wir die Bibel mit ihrer Botschaft in rechter Weise verstehen und daraus Wegweisung für unser Leben gewinnen können.

Das Menschenwort birgt die Transzendenz des Gotteswortes

Außer den drei benannten Differenzen gibt es aber noch eine weitere, grundsätzlichere. Wir sind überzeugt, dass die Heilige Schrift nicht eine bloße Erfindung weiser und literarisch begabter Menschen ist, sondern dass sie von Gott inspiriertes Wort ist.

1 Thess 2, 13: "Darum danken wir Gott unablässig dafür, dass ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern - was es in Wahrheit ist - als Gottes Wort angenommen habt; und jetzt ist es in euch, den Gläubigen, wirksam."

Die Bibel ist nicht die Überlieferung von Geschichten aus einer besseren Zeit, sie ist die schriftgewordene Offenbarung des einen Gottes, wie er sich in der Begegnung mit dem Volk Israel und im Messias Jesus Christus zeigt. In den uns überlieferten Geschichten drückt sich einerseits der unbändige Wille Gottes aus, mit dem Menschen in Kontakt zu treten; sie sind aber auch gleichzeitig das Mittel, um jeden Menschen, der sich darauf einlassen will, in die eine Heilsgeschichte hineinzuholen, ihn die schöpfungsmächtige und heilende Gegenwart Gottes spüren zu lassen.

Das bedeutet, dass wir es mit einer weiteren Differenz zu tun haben, und zwar einer wesensmäßigen. Es ist der Unterschied zwischen der Kultur und Geschichte der Menschen-Welt und der Kultur des Reiches Gottes; die Spannung zwischen dem Wort, das aus der menschlichen Sprache genommen ist und dem Inhalt, der sich nur nach der göttlichen Grammatik erschließt; es ist die Distanz zwischen dem Verstehenshorizont des Menschen und der sich im Menschenwort bahnbrechenden Unfassbarkeit des allumfassenden und allschöpfenden Seins.

Jes 55, 9: "So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken."

Folgerungen

Die grundsätzliche Verschiedenheit zwischen der unserem menschlichen - vor allem dem modernen - Verstehenshorizont zugänglichen Welt und derjenigen, der wir in der Bibel begegnen, mag so manchen Leser vergraulen, der sich zu schnelle und direkt übertragbare Ergebnisse von seiner Lektüre erhofft.

Und doch bleibt die Bibel ein ewig gültiges und immer wieder aktuelles Buch, denn es gibt etwas, das die Menschen aller Zeiten miteinander verbindet und wovon gerade hier die Rede ist. Es geht um die dem Menschen innewohnenden und nie verstummenden Fragen: Woher komme ich? Welchen Sinn kann ich dem Leben geben? Wohin gehe ich? Gibt es einen größeren Rahmen, in dem dieses so verletzliche und vergängliche Leben aufgehoben ist? usw. Der Zugang zur Bibel wird sich gerade dem eröffnen, der diesen Fragen nicht ausweicht und der sich selbst auf die Suche nach dem wahren Leben begibt.

Aus den benannten Differenzen ergibt sich die Notwendigkeit, Brücken zu bauen. Brücken zwischen der Botschaft der Heiligen Schrift und dem Menschen über den dahintreibenden und sich stets wandelnden Fluss der Geschichte.

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2. Entwicklungen in der Exegese und ihren Methoden
2. Entwicklungen in der Exegese und ihren Methoden

Geschichtlicher Abriss

Wenn wir einen Blick in die Geschichte tun, so entdecken wir, dass jede christliche Epoche ihre eigene Art und Weise entwickelt hat, die Bibel zu verstehen und auszulegen. Die Kirchenväter deuteten die Schrift in allegorisch-symbolischer Weise. Im Mittelalter entwickelte sich die Auslegung nach dem "Vierfachen Schriftsinn".

In der Neuzeit hat sich die historisch-kritische Erforschung entwickelt. Entstanden im Europa des 18. Jhts., gelang ihr der Durchbruch auf breiter Front im darauffolgenden Jahrhundert. Die katholische Kirche hegte ihr gegenüber jedoch zunächst großes Misstrauen, fand aber im 20. Jahrhundert zur vollen Anerkennung dieser Forschungsmethode.

Die historisch-kritische Exegese

Die historisch-kritische Exegese geht davon aus, dass ein Text eine klar zu bestimmende Bedeutung aufweist, die durch reflektierte wissenschaftliche Untersuchungen hinreichend genau erfasst werden kann. Wichtig hierbei ist, dass dies ohne jegliche Beeinflussung durch dogmatische oder auslegungsgeschichtliche Vorgaben zu geschehen hat.

Das Vorgehen ist dabei vorwiegend diachron. Das heißt, es geht um die Erforschung der Geschichte des Textes und um die Rekonstruktion seiner ursprünglichen Gestalt.

Eine grundsätzliche Unterscheidung exegetischer Methoden liegt darin, ob sie einen Zugang zur Entstehungsgeschichte der Texte suchen (diachron), oder ob sie den vorliegenden Text als solchen untersuchen und beschreiben (synchron). Wortbedeutung: Diachron (von griechisch dia: durch, hindurch und chronos: Zeit), die geschichtliche Entwicklung einer Sprache oder eines Sprachproduktes betreffend. Synchron (von griechisch syn: mit, zusammen, gleichzeitig mit und chronos: Zeit), den Zustand einer Sprache, eines Sprachproduktes in einem konkreten Zeitraum beschreibend.

Neuere Entwicklungen

Daneben gibt es vor allem in jüngerer Zeit Bestrebungen, den Text in seiner jetzt vorliegenden Endgestalt als Ausgangsbasis für weitere Untersuchungen zu nehmen: das ist der synchrone Zugang. So z.B. die kanonische Exegese, die den einzelnen Text in den Gesamtzusammenhang der durch den Kanon überlieferten Schriften stellt. Die Tatsache nämlich, dass ein Bibeltext nicht als unabhängiges Schriftstück überliefert wurde, sondern innerhalb einer definierten Sammlung von verschiedenen Texten, welche die Christen als die für ihren Glauben maßgeblichen anerkannten, hat Auswirkungen auf die Bedeutung des einzelnen Textes selbst.

Zunehmend setzt sich in der Bibelwissenschaft die Erkenntnis durch, dass die von der historisch-kritischen Forschung unternommene Suche nach der einen, wahren Bedeutung klar abgegrenzter Texte nicht zu ihrem Ziel kommt, ja, nicht kommen kann, denn letztlich ist es eine Suche nach etwas, was es nicht gibt. Das bestätigt unter anderem auch die Literaturwissenschaft, die zu der allgemein akzeptierten Einsicht gekommen ist, dass literarische Texte niemals eindeutig sind.

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3. Die Subjektivität der Objektivität
3. Die Subjektivität der Objektivität

Die bedeutende Rolle des Vorverständnisses des Lesers

Es kommt immer mehr in den Blick der Forscher, dass die Person des Lesers bzw. Hörers sehr stark am Verstehens- und Auslegungsprozess beteiligt ist. Wer Texte liest, der bringt immer schon seine eigene Lebensgeschichte und sein Vorverständnis mit, und nur auf diesem Hintergrund ist ihm das Verstehen erst möglich. Das persönliche Frageinteresse lenkt oft unbewusst die Auslegung des Textes. Zum Verstehen eines Textes kommt es im Grunde erst, wenn eine Verschmelzung zwischen dem Horizont des Textes und demjenigen des Lesers stattfindet; das bedeutet aber, dass der Horizont des Lesers konstitutiv in jede Auslegung mit einbezogen ist. Auslegung ist also sozusagen ein offener Prozess, in dem sich Vorverständnis und Textauslegung gegenseitig beeinflussen und korrigieren.

Als Folgerung aus dem Gesagten können wir feststellen, dass ein Text keine eindeutige Bedeutung haben kann. Es ist nicht möglich, ihn objektiv und ein für alle mal gültig auszulegen und festzuschreiben. Was ein Text bedeutet, das stellt sich immer erst wieder neu in der Begegnung zwischen Text und Leser heraus. Zwei Menschen also, die notwendigerweise mit unterschiedlichem Vorverständnis an einen Text herangehen, werden sehr wahrscheinlich zu verschiedenen Auslegungen kommen.

Nur so ist auch zu erklären, wie zwei Exegeten zu verschiedenen oder sogar gegensätzlichen Hypothesen kommen können, obwohl ihnen das gleiche, wissenschaftlich verbürgte Ausgangsmaterial und dieselben Fakten vorliegen. Nicht zuletzt dadurch ist es inzwischen zu einer unüberschaubar gewordenen diachronen Hypothesenflut gekommen, die vor lauter Bäumen den Wald zu verbergen droht.

Beim Bibliodrama steht ausdrücklich nicht so sehr der Text als Text im Vordergrund, sondern vielmehr wird die Erzählung selbst wirksam, die in dem Text enthalten ist. Die Teilnehmer sind schon während des Vorlesens vor allem bei der Erzählung und nicht zuerst beim Text, der die Erzählung vermittelt. Sie sind auch bei sich selbst. In ihrem Zuhören im Blick auf das zu spielende Drama geben sie ihrerseits auch schon eine Interpretation. Ihre persönliche Situation und die Situation der Bibliodramagruppe spielen in dieser Interpretation eine Rolle. Schon beim Vorlesen und Zuhören geschieht vieles, was nicht oder kaum bewusst wird. Verlangen, Widerstände, feststehende Überzeugungen, Ängste, persönliche Meinungen und Absichten werden darin wirksam. Sie entzünden sich an der Erzählung und an der Situation. Während des Lesens hat das Drama innerlich eigentlich schon begonnen. Was geschieht ist viel umfangreicher, vielfältiger und persönlicher, als es der Text als bloßer Text ausdrückt.

Erfolg und Grenze der historisch-kritischen Erforschung

Die Erfolge der historisch-kritischen Exegese sind unbestritten. Sie hat erreicht, die Eigenständigkeit und Vielfalt biblischer Bücher, Traditionen, Themen, Motive und literarischer Schichten herauszustellen. Die Ablagerungsschicht dogmatischer Deutungen, die sich in Jahrhunderten auf die Texte gelegt hatte, wurde mithilfe der historischen Kritik gleichsam wie mit Pinsel und Bürste behutsam abgelöst, so dass die Texte wieder in ursprünglicher Frische und Vielfalt ans Licht treten konnten.

Allerdings glaubte man oft, in den durch die historische Kritik rekonstruierten ältesten Textstufen ein historisches Ereignis oder eine historische Person, von aller Deutung befreit, sozusagen in Reinform vor sich zu haben. Inzwischen wissen wir jedoch: Erinnerung verfährt konstruktiv; das bedeutet, dass ein zwar wissenschaftlich belegtes Faktum, das aber von jeder Deutung befreit ist, letztlich auch ein bedeutungsloses Faktum ist, das nicht zur Erinnerung taugt. Gerade durch das Bestreben, biblische Texte in objektiven Daten zu erfassen, geht ihnen viel Dynamik, die das Subjekt in Bewegung zu bringen vermöchte, verloren.

Die Autoren, Redaktoren, Überlieferer, Abschreiber und Übersetzer der Bibel haben aber doch nicht eine Titanenarbeit auf sich genommen, bloß dafür, dass nachkommende Generationen ihre Neugier befriedigen könnten, zu erfahren, wie das Leben in damaliger Zeit war. Die Motivation all dieser Menschen war ihr Glaube, war die Freude über die Entdeckung, dass Gott trotz allem, was der Mensch auch treibt, seinem Geschöpf die Treue hält, um es zu retten und zur wahren Gestalt seiner Geschöpflichkeit zu führen. Aus ihrer Bewegtheit heraus wollten sie ein Werk schaffen, dass über ihre Zeit hinaus fähig wäre, andere Menschen in Bewegung zu bringen.

Die primäre und ausschließliche Orientierung an der Historie der Texte hat sich heute erschöpft. Religiös Suchende erwarten mehr als eine im besten Fall ansprechende Präsentation von historischen Fakten. Die Heilige Schrift wurde nicht überliefert, weil sie bloß interessant ist, sondern weil in ihr eine Wahrheit zur Sprache kommt, die durch die Jahrhunderte hindurch gültig bleibt, weil sie jeder Mensch im Innersten seines Herzens sucht. Diese Wahrheit findet sich nicht in einer Geschichte hinter den Geschichten, auch nicht in einem kontrollierbaren und überprüfbaren Zugriff auf angeblich eindeutige Texte, sie zeigt sich in den Geschichten und einer von ihnen inspirierten Praxis.

"Der Gläubige wird in der Bibel immer mehr suchen als das ‚Verständnis der Vergangenheit' " (Henri de Lubac).

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4. Was ist die Bibel?
4. Was ist die Bibel?

Entstehung der Bibel

Bevor das Volk der Bibel anfing, die Heilige Schrift zu schreiben, hat es sich viele Fragen über das Leben gestellt und über seine Erfahrungen reflektiert und meditiert. Mit Gottes Hilfe suchte und fand es Antworten in seiner Geschichte, in den Erlebnissen von Höhen und Tiefen, die es immer mehr in der Perspektive des sie erwählenden, befreienden und rettenden Gottes zu deuten verstand. Diese Sinn- und Deutegeschichten, gewonnen aus der Reflexion geschichtlicher Erlebnisse, erzählte es weiter von Generation zu Generation, bis sie dann eines Tages niedergeschrieben wurden. In der Bibel lesen, mit ihr leben bedeutet deshalb immer wieder die Herausforderung, sich auf die Suche zu machen nach der Deutung der eigenen Lebenserfahrungen. Bibel wird darum gerade dort lebendig, wo Menschen einander Anteil geben an ihrer Lebensgeschichte, ihren großen und kleinen Erlebnissen, ihren befreienden und bedrückenden Erfahrungen; ich denke hier z.B. an die vielen Bibelkreise, die sich der Methode des Bibel-Teilens widmen.

Die Bibel ist ein Gemeinschaftsbuch

Die Bibel ist in der Gemeinschaft des Volkes Gottes entstanden, darin weitergegeben worden, und bis heute wird Bibel vor allem in der Gruppe lebendig. Denn jeder Einzelne in der Gruppe bringt in der Arbeit am Text etwas ein, was nur er einzubringen imstande ist; durch das Miteinander-Teilen der verschiedenen Lebens- und Glaubenssituationen wird die Perspektive eines jeden bereichert. Jede Person hat ja ihren eigenen Blickwinkel und ihren eigenen Zugang zum Text; dieser prägt auch, was der einzelne vom Bibeltext und vom Leben, das darin zur Sprache kommt, aufnehmen und verstehen kann. Der heutige Kontext der einzelnen Personen in der Gruppe verknüpft sich mit dem Text von damals, nicht auf der Wortebene des Textes, sondern im tieferen Verständnis der jeweiligen Erfahrungen, die in einem Text gefasst und überliefert werden.

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5. Was ist Bibliodrama?
5. Was ist Bibliodrama?

Entstehungssituation

Gewissermaßen als Gegenbewegung zur nüchternen historisch-kritischen Exegese und zu all den Vermittlungswegen, bei denen in Vorträgen Ergebnisse dargeboten werden, ist vor 20 bis 30 Jahren an mehreren Orten der Welt gleichzeitig das Bedürfnis nach intensiver, erfahrbarer Begegnung mit der biblischen Botschaft erwacht. Unter der Bezeichnung "Bibliodrama" entwickelte sich ein prozesshafter und ganzheitlicher Zugang zur Bibel, der allerdings je nach Entstehungshintergrund und angewandter Methodik sehr unterschiedlich ausfiel. Grundsätzlich verläuft Bibliodrama in den vielen unterschiedlichen Ansätzen und Schulen so, dass sich eine Gruppe im szenischen Gestalten in biblische Texte einzufühlen versucht und sich auf ein In-Beziehung-Setzen zwischen der eigenen Wirklichkeit und der im Text geschilderten einlässt. Wichtig hierbei ist das Element der Identifikation: Jeder Teilnehmer lebt sich in eine biblische Rolle ein - sei sie personal oder apersonal. Die vom überlieferten Text vorgegebenen Rollen erschließen ihm einen Raum, in dem der Teilnehmer sich selbst entdecken, in dem er zum Urheber des Wortes wie auch zu den mitspielenden Teilnehmern in Beziehung treten kann. Überlieferung und aktuelle Situation interpretieren sich gegenseitig.

Im Bibliodrama treten Schrifttext und "Lebenstext" der Gruppe in eine fruchtbare Spannung zueinander und in gegenseitigen Dialog. Dabei arbeiten die verschiedenen Ausrichtungen von Bibliodrama mit recht unterschiedlichen Techniken. Allgemein aber kann gesagt werden, dass Bibliodrama nicht nur eine Methode der Bibelarbeit ist, sondern auch eine Methode von Seelsorge darstellt. Es wird den Fragen nachgegangen: Wo ist deine Sehnsucht nach erfülltem Leben, und wo ist deine Angst, die dich bremst? Wie kannst du deine Sehnsucht nach reicherem Leben im Raum der Botschaft Gottes entdecken? Wo hindern dich dabei Ängste oder dein Schatten?

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6. Der Verlauf eines Bibliodramas
6. Der Verlauf eines Bibliodramas

(Nach dem Bibliodrama-Ansatz von Herman Andriessen und Nicolaas Derksen, holländische Assumptionistenpatres. Vgl. das Institut für Wissenschaftliche Weiterbildung der Pallottiner in Vallendar)

Vertrautwerden mit dem Text

  1. Der ausgewählte Bibeltext wird ein oder zweimal vorgelesen. (Z.B. eine Heilungsgeschichte)

  2. Suche nach den Rollen im Text: Wer oder was spielt eine Rolle? (Das können Personen aber auch Gegenstände, Zustände und Handlungen sein.)

  3. Möglichkeiten, Fragen zum Text zu stellen. (Wo gibt es Klärungsbedarf? Was ist unverständlich?)

  4. Austausch über die Wahrnehmungen am Text. (Welchen Eindruck macht der Text auf mich? Welche Gefühle werden bei mir ausgelöst?)

Bibliodrama-Spiel

  1. Der Text wird ein weiteres Mal gelesen. Der Leiter stellt die Raumaufteilung vor (Der Text wird mit seinen theologisch bedeutsamen Stationen in den Raum hinein verortet: visualisierte Exegese.) und lädt die Teilnehmer ein, in meditativem Gang durch den Raum, die für sie passende Rolle zu finden.

  2. Beginn des Bibliodrama-Spiels

  1. Der Leiter führt bei jedem Teilnehmer ein Erstinterview durch. (Dadurch werden den Teilnehmern die vorhandenen Rollen vorgestellt und der Einzelne kann sich intensiver in seine Rolle einfühlen.)
  2. Überleitung zum interaktiven Spiel. (Die Teilnehmer dürfen aus dem Gespür für ihre Rolle, für ihr eigenes Inneres und für die Gruppe heraus aktiv werden.)
  3. Der Leiter setzt das Spielende und fordert die Teilnehmer auf, aus der Rolle auszusteigen. Dann Pause.

Auswertung

  1. Anhand mehrer Fragen werden die Teilnehmer zu einer Reflexion des Erlebten eingeladen. In der emotionalen Auswertung geht es um die Rückbindung der Lebenssituation an die gewählte Rolle, des Spiels an die eigene Lebenssituation und an die Heilige Schrift.

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7. Meine Sicht von Bibliodrama
7. Meine Sicht von Bibliodrama

Für mich ist wichtig geworden, dass Bibliodrama einen Raum bietet und zwar - durch die Heilige Schrift - einen von Gott gegebenen und geschützten Raum, in dem der Mitspielende als Mensch, so wie er ist, aufgehoben und angenommen ist. Erst ein solcher unreglementierter Freiraum macht es dem Menschen möglich, zu Regungen und Gefühlen Zugang zu bekommen, die bisher verdrängt wurden, weil sie als unpassend, beschämend, unerlaubt oder unangenehm beurteilt wurden. Im Schutz der gewählten biblischen Person jedoch kann der Teilnehmer sich seiner Schattenseite gewahr werden, weil die Bibel uns einen David und Salomo, einen Petrus und Paulus nicht bloß in verklärtem Licht vorstellt, sondern weil sie ganz bewusst auch von deren dunklen Seiten und Verfehlungen erzählt.

Ich denke, das ist gut zu vergleichen mit der Mahlpraxis Jesu. Jesus hat nicht zuerst zu den Zöllnern, Sündern und anderen Menschen gesagt: Bevor ihr Gemeinschaft mit Gott haben könnt, da bemüht euch erst einmal, die Gebote zu halten, die Leute nicht mehr zu übervorteilen usw. Genau das Gegenteil hat er doch getan; er hat Menschen bedingungslos zum Mahl eingeladen und sich gemeinsam mit ihnen an einen Tisch gesetzt, damit sie in seiner Gemeinschaft Liebe und Angenommen-Sein von Gott her erfahren. Für viele wurde gerade diese Erfahrung zum Anlass, umzukehren, Abschied zu nehmen von ihrem alten, verkorksten Leben und ein neues Leben zu beginnen, begründet in einer neuen Beziehung zu Gott.

So kann auch die Wirkung von Bibliodrama beschrieben werden: Das Wort Gottes bietet meinem Leben in seinen Höhen und Tiefen, mit den dunklen und hellen Seiten in den verschiedenen vorgestellten Personen Gastfreundschaft an. Wenn ich mich auf diese vorbedingungslose Gemeinschaft einlasse und mich von den biblischen Personen an die Hand nehmen lasse, dann kann ich Erfahrungen machen, die mich auf Blockierungen und Verdrängungen aufmerksam machen, dann kann ich Befreiung erleben und Gottes Nähe spüren.

Bibliodrama geschieht da, wo sich eine Gruppe auf das in den Raum hineingelegte Wort Gottes einlässt. Jeder Einzelne ist aufgerufen, sich mit einer der vom Schrifttext vorgegebenen Rollen zu identifizieren und auf seine inneren Impulse zu horchen. Im Hinhören auf das eigene Innere und in der Kommunikation mit den anderen Teilnehmern gilt es, zu erspüren welche Haltung, welche Bewegung oder welches Wort als stimmig erlebt werden kann.

Bibliodrama ist eine Methode der Bibelarbeit, die es ermöglicht, Gottes Wort und Botschaft im Buch der Bibel vor dem Hintergrund des Buches des Lebens zu verstehen. Die Bibel wird von der Perspektive der persönlichen Lebens- und Glaubenserfahrung her erlebbar. Es geht unmittelbar darum, mithilfe der Bibel das Leben zu verstehen und Erfahrungen zu deuten. Mittelbar wird von hier aus wiederum ein neuer und tieferer Blick auf die Botschaft der Schrift möglich. Das niedergeschriebene, zunächst leblose und auf Papier konservierte Wort nimmt im Prozess des Bibliodramageschehens Gestalt an, wird beweglich und lebendig. Es entwickelt einerseits die Kraft, das Leben der Teilnehmer zu deuten, andererseits gibt es die Möglichkeit, Gott nahe zu kommen und Erfahrungen von Heilung zu machen.

Bibliodrama bietet sogar, das sei auch erwähnt, die Möglichkeit, einmal in eine Rolle hinein zu schlüpfen, die zunächst vielleicht als fremd erlebt wird, die einen aber doch herausfordert oder reizt. Was in den alltäglich gelebten Beziehungen schwierig oder gar undenkbar erscheint, das wird im geschützten Raum des Bibliodramas möglich: Einmal eingeschliffene Verhaltensmuster beiseite zu legen und andere Handlungsweisen auszuprobieren.

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8. Verhältnisbestimmung zwischen Bibliodrama und Exegese
8. Verhältnisbestimmung zwischen Bibliodrama und Exegese

Wer die Heilige Schrift erforscht, wird zunächst einmal von ihr selbst erforscht. Papst Paul VI.

Bibliodrama und historisch-kritische Exegese

Die historisch-kritische Exegese und das Bibliodrama nehmen im Spektrum der Methoden von Bibelarbeit gegensätzliche Pole ein. Als abstrakt-analytischer und als ganzheitlich-mehrdimensionaler Zugang ergänzen sie einander und sind heute sogar in gewisser Weise aufeinander angewiesen.

Bibliodrama kann beschrieben werden als praktische Auslegung der Heiligen Schrift: ein Auslegen im Tun. Es wird versucht, die Heilsgeschichte sowohl im Spieler und in der Gruppe als auch den Spieler und die Gruppe in der Heilsgeschichte zu Wort kommen zu lassen. Die Exegese beschäftigt sich mit dem Text der biblischen Geschichte; das Bibliodrama mit der Geschichte selbst, so wie sie jetzt im Menschen lebt. Es richtet sein Interesse auf das "Schicksal" des Wortes Gottes im Menschen, hier und jetzt. Das ist eine auf die Person und Gruppe gerichtete Exegese der Heilsgeschichte, so wie sie sich persönlich und wirklich im Leben der Spieler entfaltet. Es ist die Exegese von Angst und Verlangen, Heil und Unheil, Licht und Finsternis, Gut und Böse, Glaube und Unglaube, aber nicht betrachtend und abgesondert, sondern existentiell, personell und direkt auf das alltägliche Leben bezogen.

Handlungsimpuls

Die Auslegung, die durch das Bibliodrama stattfindet, geschieht nicht in einem wissenschaftlichen Rahmen. Sie richtet sich vielmehr unmittelbar auf die lebendige und latente Erfahrung und deutet sie. Damit verbunden lässt sich ein weiterer wichtiger Unterschied zur historisch-kritischen Bibelforschung entdecken. Bibliodrama ist von seiner Art her so angelegt, dass es Handlungskonsequenzen aufzeigt, die den Einzelnen unmittelbar angehen. Es stellt dem Spieler sein Leben vor Augen und fordert ihn zur Entscheidung auf, indem es ihm seine aktuelle Situation deutlich werden lässt. Dieses Entscheidungsmoment ist nicht abstrakt, sondern konkret der momentanen Situation angemessen.

Durch den Glauben der Gruppe an die biblische Geschichte kann sich das Wort Gottes in seiner dynamischen Kraft entwickeln und wird so als Weisung für das Leben der Teilnehmer erlebt. Das Interessante am Bibliodrama ist gerade auch, dass im Grunde keine Antworten auf nicht gestellte Fragen gegeben werden. Alles, was geschieht, ist eine Bewegung zwischen der Dynamik des Wortes Gottes und der vorhandenen Dynamik von Angst und Sehnsucht in den Teilnehmern.

Bibelauslegung im Tun

Bibliodrama ist eine Form des Umgangs mit der Schrift, wie es die Exegese auch ist. Es geht hier aber immer um einen praktischen, pastoral ausgerichteten Umgang. Im Bibliodrama wird auf eine besondere Weise mit dem Text der Schrift umgegangen, er wird nämlich getan und dramatisiert. Präziser gesagt: Die Botschaft, die diese Schriftstelle jetzt für eine Gruppe von Menschen beinhaltet, entwickelt sich in einem Drama, das sich aus der Mitwirkung von Leitung und Teilnehmern gestaltet. Diese Botschaft ist konkret; sie ist nicht vorgegeben, wie der Text vorgegeben ist. Sie entwickelt sich. Man "erlebt die Schrift mit" (H. Renckens).

Ziele des Bibliodramas

Das primäre Ziel von Bibliodrama bleibt der Appell an das persönliche und gemeinschaftliche Glaubensgewissen, das Verbinden der eigenen Glaubensgeschichte mit der Heilsgeschichte, die (zu einem Teil) im biblischen Text überliefert, aber damit nicht identisch ist. Es geht um die Fortsetzung dieser Heilsgeschichte im Leben der Teilnehmer. Mit Bibliodrama lassen sich aber viele andere sekundäre Ziele verbinden: gründlichere Kenntnis des Textes, den Text in einem neuen Licht sehen, Vorbereitung für die Verkündigung, Anregung für die Liturgie, politische Perspektiven, Fördern des Glaubenslebens in der Familie usw. Was in der Gruppe wirklich vorhanden ist oder auftaucht, tritt ans Tageslicht. Auch wird sichtbar, wie Menschen gut oder schlecht mit ihrem Glauben bzw. Unglauben umgehen können. Blockaden werden wahrgenommen, verlorene Ideale wieder entdeckt. Aus diesen Gründen scheint das Bibliodrama ein sehr wichtiges Instrument in der Seelsorge zu sein. Die Exegese, die hier betrieben wird, ist von existenzieller Art: Nicht nur die Botschaft bekommt ihre Handlungsexegese, auch die persönliche Existenz wird in ihrem Licht und in dem des eigenen Handelns exegetisiert, d.h. "aus-gelegt".

Als Randbemerkung sei erwähnt, dass theologischer Sachverstand - nicht nur exegetischer, letztlich unverzichtbar bleibt für die Weitergabe des Glaubens; doch kann er auch das Entstehen eines ursprünglich kreativen, integrierenden und auf die aktuelle Situation bezogenen Glaubens behindern.

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9. Bibliodrama und offizielle Kirchen-Dokumente
9. Bibliodrama und offizielle Kirchen-Dokumente

Die Interpretation der Bibel in der Kirche, 1993

Die Methode des Bibliodramas wird im 1993 erschienenen Dokument der Päpstlichen Bibelkommission: "Die Interpretation der Bibel in der Kirche" nicht ausdrücklich erwähnt. Dennoch finden sich hierfür einige interessante Aussagen. Im Zusammenhang mit der Untersuchung eines wirkungsgeschichtlichen Zuganges zur Bibel schreibt die Kommission: "Dieser Zugang beruht auf zwei Grundtatsachen: a) ein Text wird nur dann zum literarischen Werk, wenn er Leser findet, die ihn lebendig werden lassen, indem sie ihn sich zu eigen machen; b) diese Aneignung des Textes, die individuell oder gesellschaftlich und in verschiedenen Bereichen (Literatur, Kunst, Theologie, Aszetik und Mystik) stattfinden kann, trägt zum besseren Verständnis des Textes selbst bei...

In der Begegnung des Textes mit den Lesern entsteht eine Dynamik; denn der Text besitzt eine Ausstrahlung und löst Reaktionen aus. Er lässt einen Ruf erklingen, der von den Lesern, sei es einzeln oder gemeinsam, gehört wird. Leser und Leserin sind übrigens nie isolierte Individuen. Sie gehören zu einem sozialen Raum und befinden sich innerhalb einer Tradition. Sie gehen den Text mit ihren Fragen an, wählen aus, schlagen eine Auslegung vor und können schließlich ein neues Werk schaffen oder Initiativen ergreifen, die ihnen direkt von ihrer Lektüre der Heiligen Schrift eingegeben werden."

Gerade beim Bibliodrama wird versucht, diesem mehrdimensionalen Geschehen einer Verlebendigung des Bibeltextes Raum und Entfaltungsfreiheit zu geben. Der sorgfältige Umgang mit den biblischen Texten bildet allerdings erst die entscheidende Basis für neue Erfahrungen in der Begegnung mit diesen Geschichten. Die Verknüpfung der eigenen Lebensgeschichte erfolgt immer in einem sorgfältig abgesteckten Rahmen, ausgewählt aus den biblischen Vorlagen.

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10. Stellungnahme zu Kritik am Bibliodrama
10. Stellungnahme zu Kritik am Bibliodrama

Beliebigkeit, Willkürlichkeit des Bibliodramas?

Eine in der Theologie schon sehr alte Form der Exegese ist die allegorische Auslegung; sie hat das exegetische Denken jahrhundertelang beeinflusst. Die allegorische Exegese legte großen Nachdruck auf den tieferen Sinn des Textes. "Sinn" muss hier verstanden werden als eine Vision auf das ganze Weltgeschehen hin, einschließlich des Kosmos, und darin sowohl der Ort der Kirche als auch der Lebensauftrag der Christen.

Allegorie (griechisch: etwas anderes sagen) bezeichnet eine zur Erzählung ausgebaute Bedeutungsübertragung (Metapher), in der jedes Detail seine eigene Bedeutung hat. Z.B. die Allegorie vom guten Hirten in Joh 10,1-5: der Hirt, die Schafe, die Tür, der Schafspferch, der Türhüter.

Die Gefahr von Willkürlichkeit ist hierbei allerdings groß. Dieselbe Gefahr bedroht auch das Bibliodrama. In den meisten Publikationen von exegetischer Seite wird darauf hingewiesen. Tim Schramm bemerkt in diesem Zusammenhang, dass sich auch im Bibliodrama nicht selten ein allegorisches Verstehen der Texte zeigt. Bilder, Symbole, Identifikationen und vor allem das konkrete Handeln überschreiten schnell "den Buchstabensinn". Er sieht im Bibliodrama eine Möglichkeit, um den alten Streit zwischen "Literalisten" und "Allegoristen" aufs neue und konstruktiv auszutragen.

Es stellt sich dabei die entscheidende Frage, welches der Bezugsrahmen ist, wenn die Erzählung des Textes von einer Gruppe von Menschen, die ihn dramatisieren, zu einer Allegorie verwandelt wird. Es geht auch hier um "Sinn" und "Botschaft" wie in der allegorischen Auslegung. 

Darauf kann als Antwort gegeben werden, dass der Rahmen durch das in den Raum hinein entworfene Wort Gottes abgesteckt ist, dessen Anspruch und Wahrheit der Spielleiter als Anwalt zu vertreten hat. Innerhalb dieses vorgegebenen Feldes kann sich in großer Freiheit, aus bewusster und unbewusster Dynamik das Spiel entwickeln. Es wird hier und jetzt entworfen und ist nicht für später oder für eine andere Gruppe bindend. Alles hat zu tun mit der aktuellen Situation, in der die Teilnehmer sich befinden und die sie zu einer gemeinschaftlichen Situation "zusammen-spielen". Die Rolle des Leiters besteht darin, dass er durch seine Interventionen als Seelsorger auftritt und sich bemüht, die aktuelle Lebensgeschichte dieser Gruppe, wie sie sich in diesem Augenblick zeigt, mit der "Großen Erzählung" zu verbinden, die in dem Text zur Sprache kommt. Hierdurch entsteht eine neue Erzählung. Die eigene Schrift wird geschrieben, die Schrift wird mitgetan und miterlebt. Der Text wird jetzt wahr, in diesen Menschen, denen er einen neuen Sinn verleiht. 

Was im Bibliodrama geschieht, ist nicht verobjektivierbar, sozusagen als allgemein bindende Norm oder Auslegung festzuhalten. Die Stärke des Bibliodramas liegt aber gerade darin, dass es die ewiggültige Botschaft im Jetzt subjektiv erfahrbar macht. Dadurch dass sich der Teilnehmer mit einer biblischen Rolle identifiziert und sich so auf das Geschehen einlässt, kann das Wort Gottes einen direkten Bezug zu seiner individuellen Lebenssituation knüpfen. Wie der Text auf die Spieler und die Gruppe in ihrer jeweiligen Lebenslage wirkt, welche Bewegung er in ihnen anstößt, das wird als Botschaft vernommen, die persönlich betroffen macht.

Zu menschliches, profanes Spiel?

In der Praxis kommt es vor, dass die "Große Erzählung" (die heilsgeschichtliche Botschaft des Bibeltextes) unzureichend zur Sprache kommt, während die persönliche Erzählung der Teilnehmer überwiegt. Dies kann soweit gehen, dass "gottlose" Erzählungen gespielt werden.

Beispiel: In der Szene des sich den Tod wünschenden Elija, der mit seinen Kräften am Ende ist und sich in der Wüste unter einen Ginsterstrauch wirft, artet ein Bibliodrama-Spiel in eine fröhliche "Wüstenparty" aus.

Der Leiter des Bibliodrama hat die wichtige Aufgabe, durch entscheidende Fragen oder Impulse die Autorität des Bibeltextes geltend zu machen, ihn wieder "ins Spiel zu bringen", wenn er ausgeblendet wurde. Diese Aspekte werden dann ausführlich bei der letzten Phase, der Auswertung, zu Wort kommen. Das Wort Gottes bleibt die letzte Autorität, an der sich Spieler und Gruppe immer messen lassen müssen. Spielleitung und Teilnehmer erfahren unter Umständen, wie viel Bekehrung noch nötig ist. Hier liegt eine prophetische Funktion des Bibliodramas.

In der Reflexion kann auch die kritische Exegese sehr hilfreich sein, indem sie Projektionen, die bei Einzelnen im Spiel - was dort auch ausdrücklich erwünscht ist - entstanden sind, als solche erkenntlich macht. Durch die Einbeziehung der historisch-kritischen Exegese findet hierbei eine Korrektur des Bibliodramageschehens statt. Darin bedeutet sie ein Element nicht zu unterschätzender Supervision; sie leitet nämlich dazu an, nach der erlaubterweise auch unreflektierten Identifikation im Spiel wieder Distanz zu nehmen - und zwar jetzt nicht Distanz zum Text, sondern in bewusster Reflexion mit dem Text Distanz zu sich selbst bzw. zu den eigenen Komplexen.

Bibliodrama: Verspielt, unsachlich und sentimental?

Das Sich-Hineinversetzen in biblische Geschichten im Bibliodrama mag manchem Zeitgenossen als kindische Spielerei, als Psychokram oder als Gefühlsduselei vorkommen. Diejenigen aber, die - vielleicht auch schon mehrere Male - die Gelegenheit hatten, daran teilzunehmen, werden erfahren haben, wie intensiv der biblische Text auf solche Weise Gelegenheit geben kann, sich mit seiner Lebens- und Glaubensgeschichte auseinander zu setzen. Sei es, dass ich in die Rolle des blinden Bartimäus schlüpfe und spüre, wie sehr sein Bedürfnis nach Heilung mit dem meinen zu tun hat. Sei es, dass ich empfinde, wie durch die Stimme dessen, der die Jesus-Rolle übernommen hat, der Herr selbst mich ruft. Sei es, dass ich mich mit meinen Glaubenszweifeln in der Rolle des Apostels Thomas entdecke und durch die Aufforderung Jesu, die Finger in seine Wunden zu legen, Ermutigung erfahre.

In den religiösen Ausdrucksformen gläubiger Menschen lassen sich schon sehr früh spielerische Zugänge ausmachen. Die wohl einfachste Weise hat sich in der offiziellen Liturgie erhalten, wenn in der Karwoche die Leidensgeschichte mit verteilten Rollen gelesen oder gesungen wird. Aber auch die literarische Paraphrase, etwa im Mysterienspiel, geht auf solche frühen Versuche zurück, Szenen aus der Heilsgeschichte nicht nur vorzulesen oder zu erzählen, sondern zu spielen. Denken wir an die Prozession an Palmsonntag, wo die ganze Gemeinde die biblische Szene des Einzugs Jesu in Jerusalem nachspielt.

Man möge nun die Rede vom Spiel nicht so verstehen, als ob es sich um etwas Unernstes oder nur eine Beschäftigung für Kinder handle. Vielmehr weist die Tradition vom Heiligen Spiel auf alte und elementare Wurzeln hin, auf die Gegenwärtigsetzung eines bedeutsamen Geschehens durch eine darstellende Wiederholung. In der verdichteten Weise des Spiels wird die Aussage sinnlich und zeichenhaft erfahrbar.

Eine recht verbreitete und populäre Art spielerischer Verkündigung ist z.B. das Sternsingen. In der Gestalt der Sterndeuter aus dem Orient wird deutlich gemacht, dass Jesus zuerst den Vertretern der "Heidenvölker" erschienen ist. Die Sternsinger verkünden das Evangelium in der Sprache ihres Spiels. Und das manchmal eindringlicher, als es in der gewohnten Predigt möglich ist. Und weit über die Gemeinde hinaus von Haus zu Haus und von Tür zu Tür.

Aber auch im Alten Testament wird uns von Formen von Liturgie und Gottesverehrung berichtet, die wir als spielerisch, tänzerisch und ganzheitlich bezeichnen können. Z.B. ergeht im Psalm 118,27 die Aufforderung an die versammelte Gemeinde: "Mit Zweigen in den Händen schließt euch zusammen zum Reigen, bis zu den Hörnern des Altars!" und im Psalm 150,4: "Lobt Gott mit Pauken und Tanz, lobt ihn mit Flöten und Saitenspiel!"

Selbst König David und seine Begleiter ließen es sich nicht nehmen, bei der Überführung der Bundeslade nach Jerusalem vor Freude mit ganzer Hingabe vor den Menschen zu tanzen, zu singen und auf Instrumenten zu spielen. Archäologische Fundstücke zeigen in verschiedenen Illustrationen zum alttestamentlichen Gottesdienst, mit welch vielfältigen Formen der altorientalische und so auch der alttestamentliche Mensch seine inneren Beziehungen zu Gott ausdrücken konnte. 

Diese Hinweise könnten auch uns Mut machen, unsere Liturgie wieder mit mehr Phantasie, Spontaneität und Freiheit zu gestalten. Schon der große Theologe Romano Guardini hat in dieser Richtung neue Anstöße gegeben:

"Liturgie üben heißt, ... einmal verzichten auf das Erwachsensein, das überall zweckvoll handeln will, und sich entschließen, zu spielen, so wie David tat, als er vor der Bundeslade tanzte. Freilich kann es dabei geschehen, dass allzu kluge Leute, die vor lauter Erwachsensein die Freiheit und Frische des Geistes verloren haben, dies nicht verstehen und darüber spotten. Aber auch David musste es sich gefallen lassen, dass Michal über ihn lachte.
Auch darin besteht also die Aufgabe der Erziehung zur Liturgie, dass die Seele lerne, ... die Rastlosigkeit der zweckgebundenen Tätigkeit wenigstens im Gebet" aufzugeben und "für Gott Zeit zu verschwenden, Worte und Gedanken und Gebärden für das heilige Spiel zu haben, ohne immer gleich zu fragen: wozu und warum? ... In Freiheit und Schönheit und heiliger Heiterkeit vor Gott das gottgeordnete Spiel der Liturgie zu treiben." (Guardini, Romano. Vom Geist der Liturgie. Herderbücherei 2. Freiburg, Herder, 1962: 104.)

Was ist Spiel? Spiel ist zweckloses sich-hineingebendes Sein. Zwecklos - das bedeutet: Es steht kein Zweck da, der erreicht werden müsste, kein Ziel, wie es einer Arbeit gesteckt ist, keine Absicht, die sich durchsetzen müsste. Spiel ist Sein und Leben, Wille und Mühe. Aber sie geben sich frei hinein. Spiel kann viel intensiver sein als Arbeit. Spiel kann viel personaler sein als manche Tat. Man muss nur das Spiel des Kindes beobachten und belauschen. Das ganze Sein des jungen Menschen gibt sich hier hinein.

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Verwendete Literatur:

Adam, Adolf u. Berger Rupert. Pastoralliturgisches Handlexikon. Freiburg, Herder, 1980: 485.

Andriessen, Herman u. Derksen Nicolaas. Lebendige Glaubensvermittlung im Bibliodrama. Mainz, Matthias-Grünewald, 21991: 161-170.

Bühlmann, Walter. Schlüssel zu "Gesetz und Propheten". Luzern, Rex, 1984: 188f.

Hecht, Anneliese. "Exegese und Bibliodrama" in: Bibel und Kirche 56, 3/2001: 156-161.

Kaldewey, Rüdiger u. Niehl, Franz W. Grundwissen Religion. 2. durchges. Aufl. München, Kösel, 1985: 97f.

Kaspar, Peter Paul. Geheiligte Zeiten. Freiburg, Herder, 1989: 26-28.

Kohler-Spiegel, Helga. "Gott war an diesem Ort, und ich, ich wusste es nicht" (Gen 28). in: Diakonia, 34. Jg. Heft 2, März 2003: 98-103.

Pauler, Norbert. Bibliodrama. Stuttgarter Taschenbücher Bd. 22. Stuttgart, KBW, 1996: 51-54.

Schnitzler, Theodor. Was die Messe bedeutet. Freiburg, Herder, 1976: 28f.

Schwienhorst-Schönberger, Ludger. "Einheit statt Eindeutigkeit" in: Herder-Korrespondenz 57, 8/2003: 412-417.

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